Zwischen Tradition und Transformation: Das Wien Museum am Karlsplatz (Lisa Erard & Alicia Nold)
Wie positioniert sich ein Stadtmuseum im 21. Jahrhundert zwischen historischem Erbe und urbaner Gegenwart? Im Rahmen des Mastermoduls «Urbane Museumslandschaften: Geschichte und Transformation» am Institut für Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich stand diese Frage im Zentrum zum Wien Museum am Karlsplatz. Am Beispiel der frisch sanierten und spektakulär erweiterten Institution untersucht dieser Beitrag die strategischen, kuratorischen und architektonischen Transformationsprozesse einer modernen Kulturinstitution. Grundlage dafür ist ein Gespräch mit Direktor Dr. Matti Bunzl und Museumsmanagerin Gudrun Baur: Sie zeigen, wie das Haus Barrieren abbaut, auf neue Vermittlungskonzepte setzt und Architektur gezielt nutzt, um sich für die gesamte Stadtgesellschaft zu öffnen.
Das Wien Museum neu gedacht
Unser Besuch fand am Eröffnungstag der neuen Sonderausstellung «Schiele & Peschka – eine Familienaufstellung» statt, und es wurde schnell deutlich, dass das Museum nicht nur als Präsentationsort, sondern als diskursiver Raum verstanden wird, in dem zentrale Fragen zur Repräsentation urbaner Geschichte verhandelt werden. Diese Entwicklung spiegelt eine wichtige Debatte in der modernen Museumsarbeit wider. Thomas Thiemeyer betont, dass heute stärker danach gefragt werden muss, für welche gesellschaftlichen Entwürfe Museen einstehen (Thiemeyer 2020, 228). Für das Wien Museum bedeutet dies, seine Arbeit nicht nur als Bewahrung von Geschichte zu verstehen, sondern sich aktiv als Teil des städtischen Lebens und gesellschaftlicher Entwicklungen zu positionieren.
Strategische Neuausrichtung und Schwellenabbau
Ein zentraler Aspekt der institutionellen Transformation ist die bewusste Öffnung gegenüber der Stadtgesellschaft. Stadtmuseen stehen gegenwärtig vor der Herausforderung, ihre Relevanz in einer zunehmend diversifizierten Gesellschaft zu legitimieren. Diese Neuausrichtung steht für einen wichtigen Wandel im Verständnis von Museen. Joachim Baur beschreibt diesen als den Übergang zu einem «relationalen, beziehungsorientierten Museumsverständnis», bei dem die Interaktion mit dem Publikum im Mittelpunkt steht (Baur 2025, 221). Das Wien Museum setzt diesen Ansatz durch konkrete und niederschwellige Angebote um und stärkt so die Beziehung zwischen Museum und Besucher*innen im Alltag.
Das Modell des freien Eintritts
Ein wesentlicher Faktor dieser Strategie ist die Entscheidung, den Zugang zur Dauerausstellung kostenfrei zu gestalten. Dieses Modell orientiert sich am britischen Museumsansatz, bei dem Dauerausstellungen frei zugänglich sind, während Sonderausstellungen kostenpflichtig bleiben. Obwohl diese Massnahme erst während der Bauphase politisch beschlossen wurde, ist sie heute die wichtigste Voraussetzung dafür, dass das Museum für alle Menschen leicht zugänglich ist. Mit jährlich rund 650.000 Besuchenden – einer annähernden Versechsfachung der Frequenz vor der vorübergehenden Schliessung in 2019 – hat das Museum eine signifikante Steigerung seiner Reichweite erzielt.
Es zeigt sich, dass der Abbau finanzieller Hürden die Beteiligung eines breiteren Publikums fördert. Auffällig ist hier das Verhältnis von etwa 1:10 zwischen Einzelbesuchenden und Gruppen, wobei insbesondere Schulklassen eine zentrale Rolle spielen. Entsprechend richtet sich das primäre Zielpublikum an Wiener*innen sowie Schüler*innen, wenngleich alle weiteren Besuchenden ausdrücklich willkommen sind. Diese Beobachtungen führen zu einer zentralen Frage der Museumsforschung: Inwieweit sind Museen offene oder regulierte Räume der Gesellschaft (Baur 2025, 34)? Das Beispiel des Wien Museums zeigt, dass der Wegfall finanzieller Hürden den Zugang für viele Menschen erleichtert. Gleichzeitig prägen Schulklassen und andere organisierte Gruppen die Nutzung des Museums stark. Das Museum bewegt sich damit zwischen einem möglichst offenen Zugang für alle und institutionell geprägten Formen der Nutzung.
Die Dauerausstellung: «Wien. Meine Geschichte»
Die Neukonzeption der Dauerausstellung folgt einer klaren didaktischen Logik, die sich bewusst von rein thematischen oder assoziativen Ausstellungsformen abgrenzt.
Konzeptionelle Grundlagen und Entscheidungsprozesse
Die Entwicklung einer Dauerausstellung für ein Stadtmuseum mit einer umfangreichen Sammlung stellt eine grundlegende Herausforderung dar. Wie lässt sich aus einer Vielzahl an Objekten ein kohärentes Narrativ über eine Stadt entwickeln? Wie die Kuratorinnen Elke Doppler und Michaela Kronberger festhalten, erfordert ein solches Grossprojekt eine minutiöse strategische Planung von der ersten Idee bis zur finalen Umsetzung im Raum (Doppler & Kronberger 2025, 15).
Der Entstehungsprozess war geprägt von kollektiven Aushandlungen. Entscheidungen etwa zur Titelgebung («Meine Geschichte»), zur Kapitelstruktur oder zur Auswahl von Objekten wurden im Team intensiv diskutiert. Dabei herrschte ein Bewusstsein dafür, dass es keine «richtige Lösung» gibt, sondern lediglich plausible Varianten. Jede getroffene Entscheidung bleibt hinterfragbar, da alternative Lösungen ebenso legitim wären. Ziel war es daher, möglichst viele Perspektiven zu integrieren und eine breite Anschlussfähigkeit für unterschiedliche Besucher*innengruppen zu schaffen.
Zugleich wurde betont, dass die Einsicht, es nicht allen recht machen zu können, kein Freibrief für Beliebigkeit ist. Vielmehr verlangt sie eine besonders reflektierte und verantwortungsbewusste kuratorische Praxis.
Chronologie als didaktisches Instrument
Die Entscheidung für eine chronologische Erzählweise wurde bewusst getroffen. Während thematische Ausstellungen häufig ein hohes Vorwissen voraussetzen, ermöglicht die Chronologie eine niederschwellige Orientierung und vermittelt eine historische Basis. Direktor Bunzl versteht die Ausstellung explizit als «Teaching Tool», insbesondere im Hinblick auf wiederkehrende Schulklassen. Da das Haus eine Laufzeit der Dauerausstellung von circa 20 Jahren anvisiert, bietet die Chronologie eine stabile Struktur, die insbesondere auf die Bedürfnisse des Bildungswesens zugeschnitten ist. Die Kohärenz mit den schulischen Lehrplänen gewährleistet eine kontinuierliche Nutzung durch Bildungsinstitutionen und festigt die Rolle des Museums als ausserschulischer Lernort.
Gleichzeitig bringt die Entscheidung für eine chronologische Erzählweise eine theoretische Herausforderung mit sich. Wie Nora Sternfeld hervorhebt, reproduzieren chronologisch aufgebaute kulturhistorische Ausstellungen häufig «den Kanon mit seinen Schulen, Zeitaltern und Grenzziehungen» (Sternfeld 2013, 74). Das Wien Museum versucht diesem Spannungsfeld zu begegnen, indem es die Chronologie als Orientierungsstruktur nutzt, zugleich aber vielfältige Perspektiven auf die Stadtgeschichte integriert.
Interdisziplinäre Kuratierung und Gestaltung
Der Entstehungsprozess der 13 Kapitel der Dauerausstellung zeichnete sich durch eine ausgeprägte interne Kollaboration aus. Statt einer hierarchischen Wissensvermittlung wurde in Teams gearbeitet, in denen die Museumspädagogik (Vermittlung) bereits im Initialstadium der inhaltlichen Erarbeitung integriert war. Dieser Ansatz stellt sicher, dass die Vermittlungsebene nicht als additives Element, sondern als grundlegender Bestandteil der Ausstellung fungiert.
Diese Verschränkung von Kuration und Vermittlung bricht mit klassischen musealen Hierarchien und zielt darauf ab, die von Sternfeld kritisierte Starrheit des Kanons zumindest auf der Vermittlungsebene durch multiperspektivische Zugänge aufzuweichen.
Materialität und Raumdramaturgie
Die räumliche Gestaltung nutzt materielle Kontraste zur Unterstützung der narrativen Ebenen. Besucher*innen sollen nicht nur die Inhalte aufnehmen, sondern die Ausstellung auch körperlich und emotional erfahren. Während weite Teile der Ausstellung durch Holzoberflächen eine einladende Atmosphäre schaffen und eine nicht-lineare Bewegung ermöglichen, bricht der Bereich über die Zeit des Nationalsozialismus bewusst mit diesen Prinzipien. Durch den Einsatz von Metall und eine restriktive Wegführung wird die Unfreiheit dieses historischen Abschnitts physisch und räumlich erfahrbar gemacht. Hierbei wird auf eine vermeintliche Neutralität verzichtet. Stattdessen wird ein bewusst wissenschaftlicher und gestalterischer Zugang zur Repräsentation der NS-Vergangenheit gewählt.
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Abb. 1: In der Grossen Halle begegnen den Besucher*innen ikonische Grossobjekte aus der Sammlung des Wien Museums, darunter ein fünfeinhalb Meter hohes Modell des Stephansdoms sowie der Praterwalfisch «Poldi». Foto von Lisa Erard.
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Abb. 2: Ein interaktiver Ausstellungsbereich lädt die Besucher*innen dazu ein, Fragen aus ihrer eigenen Perspektive zu stellen und verschiedene Sichtweisen auf die Stadt Wien zu entdecken. Foto von Lisa Erard.
Architektur und urbane Integration
Die bauliche Erweiterung des Standorts Karlsplatz ist das Ergebnis einer engen Verzahnung von Architektur und musealem Inhalt. Ungewöhnlich für Grossprojekte dieser Art war die zeitliche Abfolge: Die inhaltliche Grobkonzeption der Ausstellung ging dem architektonischen Entwurf voraus, wodurch die «Hülle» funktional auf den «Kern» reagieren konnte. In einigen Fällen wurden Objekte bereits während der Bauphase fest in die Architektur integriert, sodass sie nachträglich nicht mehr entfernt werden können. Dies erfordert eine frühzeitige Berücksichtigung statischer Anforderungen im Bauplan.
Das zentrale Atrium bildet dabei das kommunikative Zentrum, das den denkmalgeschützten Bau von Oswald Haerdtl von 1959 mit dem modernen Aufsatz verbindet und so die Transformation der Institution auch baulich manifestiert.
Besucher*innenführung, Zugänglichkeit und Nutzung
Ein wesentliches Element des Museums ist das Leitsystem, welches Orientierung durch den Raum ermöglicht. Dieses folgt einer gewissen Normierung, welche sowohl der Inklusion als auch der Klarheit dient. Gleichzeitig bringt diese Standardisierung Einschränkungen mit sich, da beispielsweise fest im Boden verankerte Leitlinien nur schwer an zukünftige Veränderungen angepasst werden können. In Bezug auf Barrierefreiheit erfüllt das Museum laut eigener Aussage nicht nur gesetzliche Standards, sondern geht darüber hinaus.
Grundsätzlich entzieht sich das Verhalten der Besuchenden einer vollständigen Kontrolle. Das Museum wird von Bunzl als ein Ort beschrieben, in dem eine gewisse «Anarchie» herrscht. Menschen bewegen sich individuell durch die Ausstellung, wählen ihre eigenen Schwerpunkte und interpretieren Inhalte auf unterschiedliche Weise.
Abb. 3: Die im Boden verankerten Leitlinien für Barrierefreiheit im Wien Museum. Foto von Lisa Erard.
Institutionelle Logik und politischer Kontext
Das Wien Museum operiert in einem komplexen Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Autonomie und politischer Abhängigkeit.
Finanzierungsstruktur
Trotz der Rechtsform, die Parallelen zum universitären Sektor aufweist, bleibt die Institution finanziell nahezu vollständig von der Stadt Wien abhängig. In Zeiten hoher Inflation sichert diese Anbindung zwar den Betrieb, schränkt jedoch potenziell die politische Distanz zur Trägerschaft ein.
Aktualität und Partizipation
Um die Dynamik der Stadtgesellschaft abzubilden, wurde die «Community Gallery» implementiert. Diese dient als flexibles Gefäss für Themen der unmittelbaren Gegenwart (z.B. Migration, prekäre Arbeitsverhältnisse usw.), die in der statischen Dauerausstellung nur bedingt Platz finden. Aus anthropologischer Sicht lässt sich diese Einbindung von lokalen Gemeinschaften als ein Versuch verstehen, die Museumssammlung als ein dynamisches Beziehungsgeflecht zwischen Objekten und Communities zu restrukturieren (Bell 2017, 245). Diese relationale Restrukturierung in der «Community Gallery» fungiert somit als wichtiges Gegengewicht zur traditionellen Dauerausstellung.
Kritische Würdigung und Reflexion
Der Besuch verdeutlichte die Ambivalenz eines modernen Stadtmuseums. Die Nähe zur Stadtverwaltung ermöglicht zwar eine solide Finanzierung und grosszügige Förderungen, wirft jedoch Fragen nach der Unabhängigkeit der Geschichtsschreibung auf. Wenn die Erzählung über «das Wien der Gegenwart» durch die Stadt selbst finanziert wird, bedarf es einer kontinuierlichen kritischen Selbstreflexion der Kuratierenden, um nicht zur blossen Selbstdarstellung der Verwaltung zu werden. Gemäss Thiemeyers Prämisse muss sich das Haus hierbei stets der Frage stellen, wessen gesellschaftlichen Entwurf es reproduziert.
Zudem ist kritisch zu hinterfragen, ob die Fokussierung auf das Schulwesen als primäres Legitimationsorgan ausreicht. Ein Museum, das sich als «Ort der Begegnung» definiert, muss über die blosse Frequenzmaximierung hinausgehen. Die Herausforderung besteht darin, den physisch nahbaren Raum so zu bespielen, dass er nicht nur als didaktisches Werkzeug fungiert, sondern als Ort für diskursive Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen dient. Das Wien Museum hat die architektonischen und strukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen; die langfristige Transformation in einen echten gesellschaftlichen Verhandlungsraum bleibt jedoch ein fortlaufender Prozess und wird sich erst über die Zeit hinweg zeigen.
Abb. 4: Blick von der frei zugänglichen Museumsterrasse auf die Karlskirche. Foto von Lisa Erard.
Wien Museum. Karlsplatz 8, 1040 Wien. Freier Eintritt für die Dauerausstellung, Di, Mi & Fr 09:00-18:00, Do 09:00-21:00, Sa & So 10:00-18:00. www.wienmuseum.at
Literatur- und Quellenverzeichnis
Baur, Joachim: Beziehungsweise Museum. Paradigmenwechsel 1993/2023. In: Renate Flagmeier u.a. (Hg.): Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Objekte, Ausstellungen, Räume. Eine Museumsgeschichte. Leipzig: Spector 2025, S. 218–227.
Bell, Joshua A.: A Bundle of Relations: Collections, Collecting, and Communities. In: Annual Review of Anthropology 46. 2017, S. 241–259.
Bunzl, Matti; Baur, Gudrun: Gespräch zur Neupositionierung des Wien Museum, Wien, am 29.4.2026.
Doppler, Elke; Kronberger, Michaela: Die Dauerausstellung: Das Projekt von A bis Z. Wien: Wien Museum 2025.
Sternfeld, Nora: Kuratorische Ansätze. In: ARGE schnittpunkt (Hg.): Handbuch Ausstellungstheorie und -praxis. Wien: Böhlau 2013, S. 73–78.
Thiemeyer, Thomas: What kinds of museums for what kinds of societies? In: ICOFOM Study Series 48(2). 2020, S. 225–234.