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Einführung: Urbane Museumslandschaften – Geschichte und Transformation (Prof. Dr. Bernhard Tschofen)

Die europäische Museumslandschaft ist in den letzten Jahren von einem grundlegenden Wandel gekennzeichnet. Neben der allgemeinen Ökonomisierung des Kulturbetriebs haben auch inhaltliche Entwicklungen wie ein verändertes Kulturkonzept das Selbstverständnis der Museen und die Paradigmen der Museumsarbeit zu verändern begonnen. Im Rahmen einer mehrtägigen Exkursion nach Wien – eine Museumsstadt, in der sich die Geschichte und Transformation der Kulturmuseen beispielhaft studieren lassen – haben sich zwölf Masterstudierende der Empirischen Kulturwissenschaft nach dem Prinzip des Lernens durch Anschauung mit diesen aktuellen Prozessen auseinandergesetzt. Sie haben dabei nicht nur zahlreiche Museen kennengerlernt, sondern auch Einblicke in ein wichtiges Berufsfeld gewonnen und ganz nebenbei ein Verständnis für Wien, seine spezifische Geschichte und Urbanität entwickelt.

Autor: Prof. Dr. Bernhard Tschofen

Abb. 1: Blick auf Wien (Foto Juliane Eberhardt)

Exkursion Wien – Stadt der 100 Museen

Die historische Entwicklung und gegenwärtige Dynamik der Kulturinstitution Museum lässt sich an verschiedenen Orten und in unterschiedlichen Massstäben studieren. So lässt sie sich etwa an einzelnen Museen oder auch an ausgewählten Museumstypen exemplarisch verfolgen. Ebenso ist natürlich ein Fokus auf spezifische Aufgaben – etwa die klassische Trias von sammeln, ausstellen und vermitteln – denkbar und aufschlussreich auch für ein Verständnis der Gesamtentwicklung. Interessieren aber die Genese und aktuelle Herausforderungen der Museen in Bezug auf Gesellschaft und damit den historisch-sozialen Ort von Museumsarbeit, lohnt ein vertiefter Blick auf sogenannte Museumslandschaften, wie in der Museumsforschung und Kulturpolitik räumliche Gefüge unterschiedlicher Museumstypen in Stadt und Land seit längerer Zeit bezeichnet werden.

Die Stadt als museales Labor?

Die weit zurückreichende Tradition und die differenzierte Dichte der Museen in den europäischen Hauptstädten prädestiniert diese für eine solche Perspektive ganz besonders. Das gilt für Paris, London oder Berlin und eine ganze Reihe weiterer Metropolen, in etwas anderem Massstab selbstredend nicht weniger für regionale Hauptstädte. Die Annahme, dass die Museumsstadt Wien nicht nur ein schönes und anregendes Exkursionsziel ist und über das eigentliche Thema hinaus dem kulturwissenschaftlichen Blick unendlich viel bietet, sondern für das Interesse an Geschichte und Transformation urbaner Museumslandschaften ein beispielhaftes Labor darstellt, ist dennoch nicht ganz unbegründet. Sie leitet sich unter anderem daraus ab, dass die österreichische Hauptstadt das gesamte historische Kontinuum der Entwicklung des modernen Museumswesens vom späten 18. Jahrhundert bis in eine aktuell sehr bewegte Gegenwart abbildet. Zudem erlauben die Wiener Institutionen einen beispielhaften Blick auf das Museum als einem Ort, an dem historische Brüche – hier vor allem von der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie über Republik und Diktatur bis in die von den Mehrfachkrisen gezeichnete Jetztzeit mit ihren zum Teil widersprüchlichen Entwicklungen – nicht nur ablesbar, sondern auch mehr oder weniger aktiv verhandelt und gestaltet werden. Und schliesslich bietet die Stadt in einer ganzen Reihe von Institutionen aktuell auch für unser Fach und sein näheres Umfeld besonders aufschlussreiche Transformationsprozesse.

Die differenzierte Museumslandschaft mit ihren mehr als 100 (nach anderer Zählung angeblich rund 200) Einrichtungen sprengt naturgemäss jedes universitäre Exkursionsprogramm – ganz zu schweigen von den für dieses wichtige Lehrformat zur Verfügung stehenden Etats. Im Fokus der im Kern auf drei Tage mit Besichtigungen und Diskussionen beschränkten Exkursion im Frühjahrssemester 2026 standen daher die «Kulturmuseen» im engeren Sinn. Kulturmuseum, das ist freilich ein Begriff, der nach etwas Erklärung verlangt, weil per se jedes Museum gleich welchen Typus’ dem kulturellen Feld zuzuordnen, als Kulturinstitution zu verstehen ist. Die Auswahl war primär davon geleitet, ob in der Sammlungs- und Vermittlungsarbeit der besuchten Museen ein breites, anthropologisches Verständnis von Kultur mehr oder weniger leitend ist und damit auch eine engere Beziehung zum ethnologisch-kulturwissenschaftlichen Fächerspektrum historisch und gegenwärtig reklamiert werden kann. Ungeachtet dieser – vielleicht etwas unzulässigen Beschränkung – wurde versucht, in ausführlichen gemeinsamen Wahrnehmungsspaziergängen einen Gesamteindruck der Entwicklung der Wiener Museumslandschaft primär in genealogischer, aber auch in engerer räumlicher Sicht zu gewinnen. Das Kaiserforum der Gründerzeit und das in den 1990er Jahren entstandene Museumsquartier in den ehemaligen Hofstallungen bieten dafür in unmittelbarer Nachbarschaft schon zahlreiche Ansatzpunkte, die auch Wiens nicht näher berücksichtigte Kunstmuseen und andere Einrichtungen städtischer, staatlicher und weiterer Träger in ein kohärent lesbares Gesamtbild vielfach verflochtener Beziehungen integrieren liessen. So waren zumindest mittelbar auch Orte und Meilensteine der Wiener und österreichischen Museumsgeschichte wie das Belvedere, das Museum für Angewandte Kunst oder das Heeresgeschichtliche Museum präsent, nicht weniger als die zahlreichen Bezirksmuseen und Künstlergedenkstätten oder die wissens- und museumsgeschichtlich besonders interessanten Spezialsammlungen.

Gesellschaftlicher Wandel und institutionelle Transformation

Der Titel der Lehrveranstaltung «Urbane Museumslandschaften» legt bewusst eine besondere Aufmerksamkeit für die Beziehungen zwischen Stadt und Museum (auch jenseits des Typus Stadtmuseum oder städtischer Trägerschaft) nahe. Dies gilt sowohl für die historische Perspektive auf das Museum als Ort städtisch-bürgerlicher Öffentlichkeit als auch für ein Interesse am Museum als stadtgesellschaftlichem Akteur. An dessen Positionen und Selbstverständnissen, seinen «Politiken und Praktiken» lässt sich – so die sich bei unseren Erkundungen und Diskussionen bestätigende Annahme – der aktuelle Wandel der Institution beobachten und analysieren. Dies vor allem auch in Bezug auf Vorstellungen von (städtischer) Gesellschaft, der politischen Verortung der Institutionen und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit.

Wie die besuchten Museen sich verändernde Gesellschaft repräsentieren und aktiv adressieren und damit nach innen wie nach aussen wirksame Transformationsprozesse durchlaufen oder zumindest mittelfristig intendieren, war daher eine in allen besuchten Institutionen auf diese oder jene Art thematisierte Frage. Vielfalt und Teilhabe, und immer wieder Demokratisierung – nicht nur, aber besonders auch durch Dekolonisierung und Denationalisierung – waren dabei wiederkehrende Marksteine unserer Diskussionen mit den Expert*innen über museumsethische Grundsätze und ihre praktische Realisierung. Dabei interessierte nicht nur, wie solche Prozesse auf einer konzeptionellen und praktischen Ebene «gemanagt» werden, sondern besonders auch, wie dafür die reflexiven Potentiale der Institution genutzt werden, sich etwa die Bedeutungen bestehender Sammlungen verändern oder der kritische Blick auf die Institution selbst Neupositionierungen zu begleiten hilft. Wie es schliesslich in den sich, wie wir feststellen konnten, in einem Prozess dauernder Neuerfindung agierenden Museen gelingt, durch neue Konzepte und Formate gesellschaftliche Relevanz für sich zu reklamieren und welcher Sprache und konkreter Praktiken sie sich dabei bedienen, war eine weitere Frage, die uns durch die Häuser begleitete. Sie war besonders auch dort ergiebig, wo wir wie im Pratermuseum oder Technischen Museum Wien auf vermeintlich harmlose Gegenstände stiessen, bei denen die Kontamination durch kolonialistisches und/oder nationalistisches Denken wie etwa im Fall der volks- und völkerkundlichen Sammlungen (Volkskundemuseum Wien, Weltmuseum Wien) weniger naheliegt.

Kulturwissenschaftliches Berufsfeld Museum

Über solche inhaltlichen Interessen hinaus verfolgte die Exkursion zusätzlich das Ziel, exemplarische Einblicke in das Berufsfeld Museum zu ermöglichen. Auch wenn im Masterstudiengang Empirische Kulturwissenschaft kein eigentlicher Museumsschwerpunkt angeboten wird, versteht das ISEK – Populäre Kulturen die kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Institution Museum als Ort des Wissens und Gedächtnisses und damit der Aushandlung gesellschaftlicher Werte und Orientierungen als für die Ausbildung zentral. Das wachsende Interesse eines nicht unbedeutenden Teils der Studierenden und Absolvent*innen an dem sich in den letzten Jahren stark differenzierenden Berufsfeld mit einer Vielfalt attraktiver neuer Aufgaben und Berufsbilder zwischen Forschung und Vermittlung legt dies besonders nahe.

Es war ein besonderes Privileg dieser Exkursion, dass sich die besuchten Museen allesamt einem aktiven und vertiefenden Austausch öffneten. So aufschlussreich aus der Perspektive der Museumswissenschaft die eigene Erkundung oder die Teilnahme an regulären Führungsangeboten sein mag, umso wertvoller ist es gerade für Studierende mit professionellen Interessen, mit den verantwortlichen Expert*innen ins direkte Gespräch zu kommen. In allen besuchten Häusern sind wir nicht nur herzlich empfangen worden, sondern zumeist auch von Personen aus der Direktion und leitenden Kurator*innen und Vermittler*innen bei unserem Besuch begleitet worden. Dafür gilt unser aufrichtiger Dank. Wir wissen, was es in einer politisch und ökonomisch häufig unter Druck stehenden Institution mit ihren wachsenden Aufgaben und Verantwortlichkeiten, aber zugleich immer knapper und umkämpfter werdenden Ressourcen bedeutet, so viel Zeit und Energie in die selbstkritische Auseinandersetzung mit Studierenden zu investieren.

Vor Ort: Programm und Berichte

Abb. 2: Im Provisorium des Volkskundemuseum Wien (Foto Juliane Eberhardt)

Je zwei, in zwei Fällen auch je ein*e, Studierende*r haben sich bereits im Vorfeld der eigentlichen Exkursion mit den besuchten Institutionen auseinandergesetzt. Das erleichterte den Austausch mit den Expert*innen und ermöglichte Gespräche in einer Offenheit, die kritische Rückfragen nicht nur auch zuliess, sondern zum Teil bewusst herbeizuführen suchte. So wurde die Exkursion mit ihren Visiten und Diskussionen auch zu einer Art Reality Check für die im Vorfeld anhand ausgewählter Lektüren erfolgte theoretische und sachliche Vorbereitung: Lassen sich aktuelle politische (etwa die lange umstrittene und seit 2022 geltende neue Museumsdefinition der ICOM) oder museumstheoretische Grundsätze (wie die Betonung mehrfachrelationaler Ansätze) in die Praxis übertragen? Und wie profitiert die politische und theoretische Diskussion wiederum von Erfahrungen der praktischen Arbeit?

Die nachfolgend publizierten Essays sind Bericht und Reflexion zugleich. Sie sind bewusst nicht als nur institutionengeschichtliche oder museumstheoretische Abhandlungen angelegt, sondern versuchen niederschwellig aus der Erfahrung der Besuche und Diskussionen heraus museale Transformationsprozesse im Konkreten sichtbar zu machen. Ethnografisch-kulturwissenschaftlichen Prinzipien folgend ging es dabei nicht um objektive Darstellungen womöglich repräsentativer Prozesse. Vielmehr sollten bewusst subjektive Perspektiven (professioneller) Besuchender mit in die Berichte einfliessen und sowohl die Verantwortlichen aus den besuchten Häusern als auch die kritischen «Museumsbenutzer*innen» zu Wort kommen.

Das Programm sah nach der Anreise mit der Bahn und einem orientierenden Wahrnehmungsspaziergang durch das Museumsquartier und die Innere Stadt (27. April 2026) täglich zwei bis drei Museumsbesuche vor. Nicht die Anzahl der besuchten Museen, die Qualität der Besuche stand bei der Auswahl im Vordergrund. Den Auftakt machten das Volkskundemuseum und das Jüdische Museum Wien jeweils mit zwei Standorten (28. April 2026). Es folgten Besuche im Pratermuseum und im Wien Museum (29. April 2026) sowie im Technischen Museum Wien, im Weltmuseum Wien und im Haus der Geschichte Österreich (30. April 2026). Gemeinsame Erkundungen zur Stadtgeschichte und aktuellen Transformationsprozessen rundeten das Programm ab: Sie führten unter anderem an den Gürtel und in das angrenzende Brunnenmarktquartier, den «Bauch» des postmigrantischen Wien, und mit der legendären Strassenbahnlinie D quer durch die Stadt zum Heurigen in Nussdorf an der ländlich anmutenden Peripherie. Auch das sinnliche Erleben städtischer Räume, ihrer sich wandelnden Gedächtnisse und Atmosphären sollten schliesslich trotz des dichten musealen Programms nicht zu kurz kommen. Der Besuch der Maikundgebung am Wiener Rathausplatz (1. Mai 2026) liess in dieser Hinsicht abschliessend noch besonders eindrucksvoll die politisch-kulturelle Eigenlogik Wiens erleben.

 

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