Turbulente Zeiten im Museum: Das Jüdische Museum Wien zwischen Öffnung und Angreifbarkeit (Jonathan Hauller)
Das Jüdische Museum Wien setzt sich an zwei Standorten mit der Geschichte und Gegenwart jüdischen Lebens in Wien auseinander. Während unseres Besuches zeichnete sich einerseits das Bild einer Institution ab, die sich über Online-Präsenz und Wechselausstellungen um Öffnung bemüht. Andererseits zeugten die kuratorische Exposition oder das Verständnis von Vermittlung wiederholt von einer konventionellen, in der Tendenz die museale Deutungshoheit verteidigenden Haltung. Eine Erklärung hierfür könnte sein, dass in vulnerablen Zeiten für jüdische Museen Öffnung in besonderem Masse auch Angreifbarkeit bedeuten kann.
Ein beschwerter Auftakt
Unser Besuch des Jüdischen Museum Wiens (JMW) begann am Judenplatz, wo sich einer der beiden Standorte des Museums befindet. Der Name des Platzes verweist auf die mittelalterliche jüdische Gemeinde, die hier lebte, und ist damit eine von zahlreichen Referenzen an jüdische Geschichte, welche dieser Ort beherbergt. Dazu gehören auch die tragischen Dimensionen: Wohl nichts steht dafür so prägnant wie das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoah der britischen Künstlerin Rachel Whiteread (Abb. 1). Unmittelbar vor dem Eingangsbereich des Museum situiert, rahmte es in seiner monumentalen Präsenz räumlich wie stimmungsmässig die bevorstehende Museumserfahrung. Eine gewisse Schwere legte sich zu Beginn des Besuchs über die Gruppe – dazu trugen nicht zuletzt die engen Räumlichkeiten im Innern, das Sicherheitspersonal beim Eingang und die Israel-Flaggen an der Hausfassade bei, welche bei vielen der Gruppe die Leiden des 7. Oktobers 2023 und des darauffolgenden Krieges in Erinnerung riefen.
Tatsächlich sind die Zeiten für das JMW momentan alles andere als unbeschwert. Das Museum kämpft mit antisemitischen Anfeindungen im Haus wie im virtuellen Raum und einem starken Rückgang an Besucher:innen. 2025 verzeichnete das JMW knapp 87'000 Eintritte, was im Vergleich zum Rekordjahr 2019 – vor den Geschehnissen des 7. Oktobers (und der Pandemie) – einem Rückgang von rund 55'000 Besucher:innen entspricht (Šećerović 2025; JMW 2019). Der folgende Bericht versucht nicht, einen ausführlichen Überblick zu den aktuellen Ausstellungen des Hauses oder zur Gesamtheit seiner Aktivitäten zu leisten, sondern in einer stark ausschnitthaften Annäherung ein Stimmungsbild einer Institution in turbulenten Zeiten zu zeichnen.
Ein Haus mit Geschichte
In der heutigen Form existiert das JMW seit der Wiedereröffnung 1993. Knapp hundert Jahre zuvor (1895) öffnete in Wien das weltweit erste Jüdische Museum seine Türen – es kann als institutioneller Vorgänger des JMW betrachtet werden. Nach dem österreichischen «Anschluss» 1938 schlossen die Nazis das Museum und zersplitterten dessen Sammlung. Das Resultat der nationalsozialistischen Verwerfung ist eine komplexe Geschichte der Institution und ihrer Bestände. Diese reflektiert das Museum insbesondere im Kontext des Schaudepots im Haupthaus an der Dorotheergasse.
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Abb. 2: Konventionell gerahmtes historisches Erbe: Die Sammlung des alten Jüdischen Museum im Schaudepot. Foto von Jonathan Hauller.
Voneinander separiert sind dort die einzelnen Sammlungsbestände in mit Infotexten versehenen Vitrinen ausgestellt (Abb. 2). Die so getroffene Thematisierung des historischen Erbes und Entstehungskontextes der Institution bewegt sich kuratorisch in einem eher konventionellen Rahmen. Eine willkommene Bereicherung bieten deshalb die 2025 eingeführten Stehfiguren Jakob Bronners, der von 1916 bis 1938 als Kustos im alten Jüdischen Museum arbeitete. Im Sinne einer «Intervention in der Dauerausstellung» vermittelt die Figur Bronner in acht Stationen Fragen zur institutionellen Vorgeschichte des JMW (Landsmann 2025; Abb. 3).
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Abb. 3: Leitfigur durch die Geschichte des Hauses: Pappaufsteller Jakob Bronners in der Dauerausstellung. Foto von Jonathan Hauller.
Vermittlung und Kuration: Zwei getrennte Welten?
Über den ganzen Besuch begleitete uns Hannah Landsmann, die leitende Vermittlerin des JMW. Entsprechend standen im Zentrum ihrer Ausführungen Überlegungen dazu, wie sie die Inhalte des Museums an die grösste Anspruchsgruppe des JMW, Wiener Schulklassen, vermittelt. Die dabei vertretene Auffassung von Vermittlung soll anhand eines Zitats Landsmanns elaboriert werden: «Vermittlerinnen sollen nicht kuratieren.» Das hier implizierte Verständnis geht von einer klassischen Trennung zwischen Vermitteln und Kuratieren aus. Dies steht im Gegensatz zu den Ansichten Joachim Baurs, der fordert, Museen von ihren «Beziehungsweisen» her zu verstehen, also verstärkt die «mannigfachen Relationen» zwischen «Dingen, Akteur*innen, Diskursen, Räumen, Situationen» ins Zentrum musealen Denkens und Gestaltens zu stellen (Baur 2025, 223/225). Dazu zählt für ihn auch das Bemühen, über die Trennung von «Sammeln, Ausstellen, Vermitteln» hinauszudenken (Baur 2025, 226). Dass das Auflösen oder zumindest Aufweichen einer solchen Grenzziehung durchaus innerhalb der Möglichkeiten gegenwärtiger Museumspraktiken liegt, zeigt beispielhaft ein Blick ins Haus der Geschichte Österreich. Dort steht neuerdings die Stellenbezeichnung «Kuratorin für Vermittlung» stellvertretend für den Anspruch, Kuration und Vermittlung stärker gemeinsam zu konzipieren (hdgö 2026).
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Abb. 4: Vermittlung vermitteln: Hannah Landsmann in medias res. Foto von Jonathan Hauller.
Ein gemischtes Stimmungsbild
Der immer wieder klassisch anmutende Auftritt des JMW ist insofern überraschend, als dass die Institution grundsätzlich bekannt ist für ihre Bemühungen, neue «Beziehungsweisen» im Sinne Baurs zu schaffen. Einen Sammelbandbeitrag von 2020 beendete Direktorin Barbara Staudinger (damals noch in Augsburg) mit dem programmatischen Satz: «Museen der Zukunft sind entweder partizipative Museen oder sie sind keine Museen mehr» (Staudinger 2020, 210). Dieser Anspruch ist auch heute im JMW klar spürbar und wird in den Gesprächen mit den Verantwortlichen offen vertreten, doch scheinen die Auswirkungen der gegenwärtigen weltpolitischen Verwerfungen seine Einlösung mit einigen Herausforderungen zu konfrontieren.
Diese Ambivalenz spiegelt sich anschaulich im Verhältnis zum digitalen Raum. Einige Aussagen aus dem halbstündigen Austausch mit Direktorin Staudinger sollen dies illustrieren. So verwies Staudinger auf die Chancen der Ausweitung des musealen Raums ins Digitale: «Online-Sammlungen bedeuten auch immer Forschung an der Sammlung.» Durch das Digitalisieren und Veröffentlichen der Sammlung im Internet ergibt sich demnach die Möglichkeit zu neuen «Beziehungsweisen». Verschiedene, potentiell «neue» Öffentlichkeiten haben Zugang zu den Beständen des JMW und können ihr Wissen zu diesen einbringen. Gleichzeitig bedeutet dies für Museen meist ein Stück ihrer Deutungshoheit zugunsten der neu geschaffenen Wissensbestände aufzugeben. Das kann bisweilen ein schmaler Grat sein. So meinte Staudinger, dass sie «mehr beizutragen [habe] als TikTok oder eine random Stimme aus dem Internet.» Die Aussage verdeutlicht, dass die Stimmen des digitalen Raums durchaus in Konkurrenz zur Expertise des Museums und seiner Mitarbeitenden auftreten können. Dies kann äusserst bereichernd sein, wenn dabei koloniales oder anderes hegemoniales Wissen im positiven Sinne herausgefordert wird. Gerade vor dem Hintergrund der gehäuften antisemitischen Anfeindungen im Netz ist jedoch die Skepsis Staudingers gegenüber Beiträgen aus dem digitalen Raum gut verständlich.
Im Sammelbandbeitrag von 2020 plädierte Staudinger für eine Öffnung jüdischer Museen, hin zu Ausstellungen mit universalistischem Anspruch, die an aktuelle gesellschaftspolitische Fragestellungen anknüpfen können (Staudinger 2020, 209). Dies scheint sich in den Augen Staudingers momentan ins Gegenteil zu kehren. Sie nehme in jüdischen Museen generell eine Abwendung von globalgeschichtlichen Thematiken wahr, dafür seien «wieder mehr Partikulargeschichten oder Kunstausstellungen» zu beobachten. Ein Blick ins virtuelle Ausstellungsarchiv zeigt, dass das JMW diesem Trend in den letzten Jahren vor allem im Rahmen der Wechselausstellungen versuchte entgegenzuhalten. Ausstellungen zu den Hautfarben von Jüdinnen und Juden, zu jüdischen Gottesvorstellungen oder zur Thematik Angst bieten aus einer jüdischen Perspektive heraus universelle Anknüpfungspunkte für Menschen verschiedener Herkünfte, Hautfarben und Religionen (JMW 2026).
Dieser Bericht schliesst mit einem gemischten Stimmungsbild. Während unseres Besuches ergab sich der Eindruck eines um Öffnung bemühten Museums, das jedoch immer wieder klassisch anmutende, in der Tendenz die Deutungshoheit des Museums verteidigende Verhalten und Denkweisen offenbarte. Die gegenwärtige Situation mit einem Rückgang der Besuche und einem Klima antisemitischer Anfeindungen sowie der daraus resultierenden Verunsicherung des Museumteams ist dem Vorantreiben musealer Öffnung wohl kaum zuträglich. Öffnung macht angreifbar (Staudinger 2020, 209), und in vulnerablen Zeiten für jüdische Museen müssen sich diese gut überlegen, welche «Beziehungsweisen» sie eingehen wollen.
Jüdisches Museum Wien. Standort Dorotheergasse 11: So-Fr 10 18:00. Standort Judenplatz 8: So-Do 10-18:00, Fr 10-17:00. Eintritt Vollpreis 15 €, berechtigt zum Eintritt beider Standorte. www.jmw.at
Literatur- und Quellenverzeichnis
Baur, Joachim: Beziehungsweise Museum. Paradigmenwechsel 1993/2023. In: Renate Flagmeier u.a. (Hg.): Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Objekte, Ausstellungen, Räume. Eine Museumsgeschichte. Leipzig: Spector 2025, S. 218–227.
hdgö. Team Haus der Geschichte Österreich (hdgö). Haus der Geschichte Österreich 2026. URL:https://hdgoe.at/team (Zugriff: 10.06.2026).
JMW. 144.000 BesucherInnen im Jahr 2019. Jüdisches Museum Wien, hochgeladen am 09.12.2019. URL:https://www.jmw.at/news/144000_besucherinnen_im_jahr_2019 (Zugriff: 10.06.2026).
JMW. Ausstellungen, Archiv. Jüdisches Museum Wien 2026. URL:https://www.jmw.at/ausstellungen (Zugriff: 10.06.2026).
Landsmann, Hannah. ASK ME oder wie antwortet Jakob Bronner? Jüdisches Museum Wien, hochgeladen am 15.09.2025. URL:https://www.jmw.at/news/bronner. (Zugriff: 10.06.2026).
Šećerović, Antonio. Wien erhöht Budget für Jüdisches Museum auf 5,7 Mio. Euro. MeinBezirk, hochgeladen am 13.12.2025. URL:https://www.meinbezirk.at/innere-stadt/c-wirtschaft/wien-erhoeht-budget-fuer-juedisches-museum-auf-57-mio-euro_a7879297 (Zugriff: 10.06.2026).
Staudinger, Barbara: Jüdische Museen als gesellschaftspolitischer Diskursraum. Neue Herausforderungen durch Antisemitismus, Fremdenhass und die Renaissance des Religiösen. In: Das umkämpfte Museum. Zeitgeschichte ausstellen zwischen Dekonstruktion und Sinnstiftung, herausgegeben von Ljiljana Radonić und Heidemarie Uhl. Bielefeld: Transcript Verlag 2020, S. 201–211.