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Watschenmann, Wurstelkasper und Panoptikum: Das Wiener Pratermuseum (Hannah Sophie Schmitt)

Unscheinbar, fast versteckt, zwischen einer Sportsbar und einem Imbissstand, mitten im Geschehen des Praters, befindet sich das 2024 eröffnete Wiener Pratermuseum, dort, wo einst eine Glücksspielbude stand. Zwischen drohenden Rufen des Hotel Psycho und dem Geruch von Pommes bildet es eine Enklave, die eine Reise in die Vergangenheit ermöglicht und dabei auf seine Art nicht weniger Spannung verspricht als das Highspeed-Fahrgeschäft Black Mamba. 

Autor: Hannah Sophie Schmitt

Architektur als Reminiszenz an vergangene Zeiten

Inmitten des Praters situiert, weist das Pratermuseum einen ikonischen Schnitt auf, derartig, dass das Riesenrad nicht verdeckt wird, mehr noch, je nach Blickwinkel dünkt es geradezu, das Riesenrad, das Wahrzeichen des Praters, entspränge dem Museum. Damit entsteht eine unmittelbare Verbindung zwischen Prater und Museum, aber auch zwischen Historie und Gegenwart, ist das Riesenrad doch die letztverbliebene noch betriebene Originalattraktion aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich stellt der Holzbau des Museums auch eine Reminiszenz an die Zeit dar, als der Prater aufgrund der noch mäandrierenden Donau aus Holzbuden bestand, die bei Hochwasser schnell ab- und aufgebaut werden konnten. Mit Photovoltaik, Wärmepumpe und Klimapaneelen ausgestattet (Wien.info o.D.) fungiert das Museum zudem auch als Hommage an den historischen Prater als Labor, als Ort der Moderne, wo technische Neuerungen erprobt und der Bevölkerung präsentiert wurden. 

Wenngleich erst 2024 eröffnet, so blickt das Museum dennoch auf eine geschichtsträchtige Tradition zurück: Die beiden Stadt- und Praterforscher*innen Ninni Lackner und Hans Pemmer sammelten Prater-Objekte, die in Pemmers Privatwohnung ausgestellt wurden, ehe er sie 1964 der Stadt Wien schenkte, die im Praterplanetarium einen Museumsraum errichtete. Dass mit den eigenen Räumlichkeiten nun auch ein Wunsch Pemmers in Erfüllung ging, lässt sich an dem von Pemmer 1933 in Auftrag gegebenen Gemälde von Karl Suschinek, der Pratersymphonie, ablesen: Es zeigt Pemmers Pratermuseum im Prater (Hofbauer 2024, 432).

Ort für alle? Ort für alle!

Zwei zurückversetzte Eingänge auf beiden Seiten des Museums laden ein, in die Tiefe des Praters einzutauchen, in dessen Geschichte. Die beiden Eingänge eröffnen eine Passagenfunktion, die als Tor zu einer ,anderen Welt‘ fungiert, in der andere Gesetze gelten als draussen im Prater. Zugleich wird mit der Passagenfunktion auch die Intention von Joseph II aufgegriffen, welcher aus dem einstigen kaiserlichen Jagdgebiet den Prater als Ort für alle schuf, und die das zugängliche Museumsfoyer zu ebendiesem Ort werden lässt. Gestaltet wird dieses durch ein überlebensgrosses Wimmelbild von Olaf Osten. Von Sissi bis Sigmund Freud, von der biologischen Versuchsanstalt bis zur Toboggan: Das Wandbild des seit drei Jahrzehnten in Wien lebenden deutschen Künstlers stellt Relationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Bekanntem und Unbekanntem her und ermöglicht sowohl auf inhaltlicher als auch auf physischer Ebene einen Zustand der Liminalität als Übergang zwischen innen und aussen, Realem und Imaginärem.Und: Es erinnert in Zügen an die Pratersymphonie. 

Neben der Passagenfunktion kommt dem Foyer aber auch die Aufgabe als Veranstaltungsort zu, Lesungen und Konzerte ermöglichen dem zum Wien Museum (Wienmuseum.at o.D.) gehörenden Museum, die Aufgabe des Austausches und der Demokratiefestigung wahrzunehmen. 

Als Ort für alle rekurriert das Museum auf jene Qualität, die den Prater – so eine zentrale Position der Ausstellung – zu einem identitätsstiftenden und -prägenden Ort Wiens macht. Die Aspekte des sozialen Experimentierfeldes, des Orts der Etablierung der von kirchlichen Feiertagen unabhängigen Freizeit, des Gegenorts zur Moderne und der Welt des Staunens, versucht das Pratermuseum aufzugreifen und aufzubereiten, womit es «einen wichtigen Beitrag zur lokalen Geschichte der Unterhaltungskultur und zur Stadtgeschichte Wiens dar[stellt]» (Praterwien.com o.D.). Denn der Prater gilt neben dem Stephansdom als das Wahrzeichen Wiens. 

Lässt sich der historische Prater als «Fenster zur großen Welt» (Winkler und Schwarz 2024, 11) beschreiben? Kann das Pratermuseum als Fenster zu einer vergangenen Welt erfahren werden, mehr noch, kann das Museum wie auch der Prater selbst als Ort einer anderen Wissensvermittlung, vielleicht sogar als Heterotopie betrachtet werden?

Pratermuseum
Abb. 1: In die Tiefe des Praters: Zwei zurückversetzte Eingänge laden zum tiefen Eintauchen ein und eröffnen zugleich einen Vorplatz. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
wimmelbildAbb. 2: Auch kritische Aspekte wurden auf dem Wimmelbild nicht ausgespart: Soldaten der Deutschen Wehrmacht laufen in einen von den -48ern (Müllabfuhr) geöffneten Gully. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
wimmelAbb. 3: Mehr als 800 Personen, darunter 120 bekannte Persönlichkeiten, zeigt das 100 Quadratmeter grosse Wimmelbild von Olaf Osten. Foto von Hannah Sophie Schmitt.

Zwischen Leben und Tod: Von Kasperlfiguren, dem Präuscher Panoptikum und dem sozialen Tod

Steigt man vom Foyer hinauf in die zwei folgenden Stockwerke, kommt man zu den Exponaten. Es sind Kasperlfiguren, die Ringelspielfigur der Fortuna, ein Heiratsvermittler, eine weibliche Wachsfigur und vieles mehr. Ihnen ist eine besondere Bedeutung inhärent, da sie überwiegend aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammen, in dem der Prater fast vollständig vernichtet wurde. 

Mit dem Wiener Museologen Gottfried Fliedl (2000, 33–40) können die Exponate als Medium, als Objekte gelesen werden, die sich am Übergang zum Verschwinden, an der Grenze zwischen Leben und Tod befinden. Im Museum wurden sie zwar vor dem endgültigen, physischen Tod bewahrt, den sozialen Tod sind sie dennoch gestorben, sie verkörpern nun eine Erstarrung des sozialen Lebens: Vor dem Hintergrund der leise ins Museum eindringenden Pratergeräusche wird dies besonders deutlich. Sie sind zu Bedeutungsträgern geworden, die ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben, desemiotisiert wurden. Sie bringen Kinder nicht mehr zum Lachen oder zur Emanzipierung, sondern dienen lediglich der Erzeugung eines Bildes, einer Realität, die jedoch niemals ,die Realität‘ sein kann. Wer erfahren möchte, wie es sich auf einem Ringelspiel oder in einem Autoscooter anfühlt, muss hinaustreten in den Prater.

praterAbb. 4:, Schauen' ist ein Leitkonzept sowohl im Prater als auch im Pratermuseum. Während im Pratermuseum die Exponate jedoch sozial tot sind, sind jene im Prater noch, lebendig'. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
 WatschenmannAbb. 5: Der Watschenmann, ein Vorläufer des Hau-den-Lukas, ermöglichte ein Kräftemessen. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
HanswursteAbb. 6: Hanswurste wie diese sind Namensgeber für den Wurstelprater, wie der Vergnügungsteil des Praters auch genannt wird. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
DrehfigurAbb. 7: Einst drehte sich die Fortuna an einem Ringelspiel, heute nur noch im Museum. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
HochzeitsvermittlerAbb. 8: Auch eine Verlobte*r konnte auf dem Prater gefunden werden, der Hochzeitsvermittler machte es möglich. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
ZugabteilAbb. 9: Ein nachgebautes Zugabteil lädt ein, in die ehemalige Prater-Ausstellung «Venedig in Wien zu fahren. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
TierschauenAbb. 10: Neben allerlei exotischen waren auch einheimische Tiere in den Tierschauen des Praters zu erleben. Ein nachgebauter Flohzirkus zeigt, welches Spektakel erlebt werden konnte. Foto von Hannah Sophie Schmitt.
 
Praterattraktionen Abb. 11: «Alles lebend…!»: Tod und Körper(lichkeit) von Tieren und Menschen spielten unter den Praterattraktionen eine wichtige Rolle. Foto von Hannah Sophie Schmitt.

Raum und Räume

Eine thematische Gliederung soll die Ausstellung ordnen, um den Eindruck einer chronologischen Abgeschlossenheit zu vermeiden und den Fokus auf die Interpretation zu lenken. 

Der erste Stock verfügt jedoch über zu wenig Platz, um explizite Räume zu schaffen. Die Fortuna steht neben dem Heiratsvermittler, dieser neben dem Bild eines Mannes mit einem Bären, und hinter der Fortuna steht ein rekonstruierter Flohzirkus. Vielmehr sind es einzelne Schaubühnen nebeneinander, deren ,zusammengewürfelte‘ Anordnung bei genauer Betrachtung als Abbild des Praters gelesen werden kann. Schliesslich liegt auch das Museum zwischen Bar und Imbiss. Vielleicht liegt die Potenz der Kombinatorik (Baur 2025, 220) auch genau in diesem Eindruck eines ,Sammelsuriums‘?

Eine klarere Strukturierung findet sich hingegen im zweiten Stock. Mittig die Wiener Weltausstellung von 1873, links die Thematik der zurschaugestellten Menschen und Körper, rechts die kritische Reflexion über letzteres und als übergeordnetes Thema die ,Ausstellung‘ als Medium der Schaulust. Beziehungen werden quer durch den gesamten Raum geknüpft, womit die Objekte nach Baur (2025, 221) den Status als Einzelobjekte verlieren, denn es entsteht ein Beziehungsgeflecht. 

Als Abschluss des Parcours fungiert ein Balkon, der auf den Prater hinausführt und zugleich die elementare Beziehung zwischen Prater und Pratermuseum, aber auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart rekapituliert. Er stellt eine Einladung dar, in die Zukunft zu denken. Das Pratermuseum ist ein Museum, das nur aus einer Dauerausstellung besteht, das die Öffnungszeiten verringert hat und ein Gästebuch auflegt, in dem sowohl kritisiert wird, es gäbe zu wenige Exponate, als dieser Aussage auch widersprochen wird. Die Transformation und Zukunft des Museums bleiben offen, ebenso wie der Prater für alle offen bleibt. 

AbschlussAbb. 12: Zuletzt ein Blick vom Balkon, dieser stellt die Verbindung Prater – Pratermuseum und Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft her und lädt nicht nur zum Geniessen, sondern auch zum Nachdenken ein. Foto von Hannah Sophie Schmitt.

Pratermuseum. Strasse des 1. Mai (Prater 92), 1020 Wien. Eintritt Vollpreis 6 €, Fr-So 11.18:00 Uhr. Achtung Winterpause. www.wienmuseupratermuseumm.at

Literatur- und Quellenverzeichnis

Baur, Joachim: Beziehungsweise Museum. Paradigmenwechsel 1993/2023. In: Renate Flagmeier u.a. (Hg.): Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Objekte, Ausstellungen, Räume. Eine Museumsgeschichte. Leipzig: Spector 2025, S. 218–227.

Fliedl, Gottfried: Objekte des Übergangs – Das Museum als soziales Gedächtnis. In: Medium Museum. Kommunikation und Vermittlung in Museen für Kunst und Geschichte, hg. von Thomas Dominik Meier und Hans Rudolf Reust. Bern: Verlag Paul Haupt 2000, S. 33–48.

Hofbauer, Tobias: Das erste Pratermuseum. Die Stadtforscher:innen Hans Pemmer und Ninni Lackner. In: Der Wiener Prater. Labor der Moderne, hg. von Werner Michael Schwarz und Susanne Winkler. Basel: Birkhäuser Verlag 2024, S. 430–433. 

Praterwien.com. o.D.. Prater Museum. URL: https://www.praterwien.com/attraktionen (Zugriff: 26.05.2026).  

Schwarz, Werner Michael; Winkler, Susanne: Der Wiener Prater. Ein Ort für alle. Basel: Birkhäuser Verlag 2024.  

Wien.info. o.D.. Pratermuseum. URL: https://www.wien.info/de/sehen-erleben/prater/pratermuseum-355754 (Zugriff: 26.05.2026).  

Wienmuseum.at. o.D.. Pratermuseum. URL: https://www.wienmuseum.at/pratermuseum (Zugriff: 15.07.2026).  

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