Das hdgö: Ein Museum als Diskussionsforum für Zeitgeschichte (Juliane Eberhardt & David Schlittler)
Nach rund 100 Jahren der politischen Debatte wurde das Haus der Geschichte Österreich gegründet und 2018 im Herzen von Wien eröffnet. Es ist das erste zeitgeschichtliche Museum des Bundes. Das hdgö schafft über seine Museumssräume in der Neuen Hofburg am Heldenplatz, über die Web-Ausstellungen und mit mobilen Projekten ein Diskussionsforum zur Auseinandersetzung mit der Geschichte seit der Gründung der Republik 1918 bis heute.
Abb. 1: Der Eingangsbereich zum Haus der Geschichte Österreichs. Foto von Juliane Eberhardt.
Wir sind verabredet im hdgö. Von aussen wirkt der Haupteingang der kaiserlichen Hofburg mächtig. Das dezente Banner mit den Logos der hier ansässigen Institutionen sieht klein aus – es scheint so, als ob man schon wissen muss, dass die Räume hinter den imperialen Mauern öffentlich zugänglich sind.
Der Standort: Ein Ort mit Geschichte
Die Neue Hofburg ist nicht nur imperial, sondern auch ein Contested Space – ein umstrittener Ort. Vom Altan des Gebäudes, einem balkonähnlichen Vorbau, hielt Adolf Hitler 1938 die sogenannte «Anschlussrede» an das Deutsche Reich vor mehr als 200.000 Anhänger*innen. Der Standort ist ein gedächtnispolitisch sehr sensibler Ort, betont die Gründungsdirektorin des hdgö Monika Sommer. Sie heisst uns zusammen mit Eva Meran, Kuratorin für Vermittlung, im unteren Eingangsbereich willkommen. Dann führen sie uns über eine Marmortreppe und an griechischen Statuen vorbei bis zu der verschlossenen Glastüre des «Hitler-Balkons» im prächtig ausgeschmückten ersten Stock.
Diskussion öffnen: Durch Orientierungswissen und Mitsprache
«Wir können den Ort nicht aufmachen, da sind uns die Hände gebunden», meint Eva Meran mit Blick auf den Altan, «aber wir können ihn kommentieren und die Diskussion darüber öffnen. Er ist quasi das grösste Objekt, das wir im Museum haben». Hier gelingt der gesetzlich verankerte Auftrag, ein Diskussionsforum zu sein, sowohl raumgebunden als auch webbasiert: Links neben dem Altan steht eine informative Mitmachstation, die dazu einlädt, gleich vor Ort oder später online, eigene Ideen für die Nutzung des Balkons einzubringen. Zudem kann seit der Eröffnung des Museums darüber abgestimmt werden, ob der Altan zugänglich sein sollte. Zählerstand am Tag unseres Besuches: 28'932 dagegen und 220'223 dafür.
Analoges und digitales Museum gehen hier Hand in Hand. Die diversen Mitmachstationen sind mit der Website verbunden, während über die Website Geteiltes vor Ort erscheint. Denn für das hdgö ist das Web ebenso ein wichtiges Diskussionsforum wie der Standort Heldenplatz. Das Ziel des hdgö ist stets Orientierungswissen zu bieten und Teilhabemöglichkeiten zu schaffen. Vor Ort tragen die wechselnden Sonderausstellungen zu einer Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte bei. «Das Schärfen des individuellen Geschichtsbewusstseins wird als wesentlicher Baustein für ein gutes Miteinander im Heute und Morgen verstanden», so heisst es im Leitbild des Museums (2024, 2).
Die Hauptausstellung: Eine Abkehr von Dauer
Im Mezzanin, dem Zwischengeschoss, befindet sich die Hauptausstellung «Neue Zeiten: Österreich seit 1918». Der Flyer verspricht «Einblicke in die wichtigsten politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklungen». Die Ausstellung wurde nach der Zusage zur Gründung des hdgö binnen 17 Monaten konzipiert und realisiert. Das ambitionierte Unterfangen ist geglückt. Im ehemals angedachten Frühstückszimmer der Kaiserin wird jetzt über die Einführung der allgemeinen, gleichen Wahlen informiert und damit Demokratiegeschichte reflektiert. Hier werden statt Amtsträger*innen Personen und ihr Wirken vorgestellt, um zu zeigen, dass jeder Mensch Handlungsmacht hat und historischer Wandel von der gesamten Gesellschaft ausgeht. Die Szenografie arbeitet mit mobilen Gerüsten; da der Raum unter Denkmalschutz steht und keine wandfesten Einbauten erlaubt, aber auch weil die Assoziation von der Republik als Baustelle geweckt werden soll. Entsprechend wird die Ausstellung laufend verändert: «Sie besteht aus vielen Schichten und Teilen, und bildet immer noch ein Ganzes», so Monika Sommer. Die Direktorin betont: «Wir arbeiten bewusst mit dem Begriff Hauptausstellung, denn von Dauer ist bei uns nichts. Ausser unserer Lust, das Museum immer weiterzuentwickeln».
Im Mittelpunkt: Interaktion und Austausch
In der Mitte der Hauptausstellung wird die Gegenwart der NS-Vergangenheit thematisiert. Das ist der neuste Teil der Ausstellung. Seit 2023 verschmelzen hier Ausstellungs- und Vermittlungskuration ganz besonders miteinander. Die Objekte werden nicht in mittigen Vitrinen, sondern modular an der Wand präsentiert. Die Flächen bieten Raum für «Interaktion und Austausch», wie uns Eva Meran demonstriert. Wir gruppieren uns um ein szenografisch gefälliges Arrangement: Ein türkisfarbenes Band mit integrierter Mitmachstation, wo sich eine weitere Web-Ausstellung und analoge Frage- und Antwortkarten verknüpfen. Hier wird erinnert, kommentiert und den Emotionen Freiraum gegeben – und wie nebenbei zwischen den Besuchenden ein kommunikatives Band gewoben. Darüber hängt die Kunstinstallation «Ringen und Erinnerungen» von Anna Artaker und Iris Andraschek. Auf verschlungenen Kreisen drehen sich unter anderem Zitate von Holocaustüberlebenden, die nach Österreich zurückgekehrt sind, aber auch Sätze aus Workshops über das Erinnern mit Jugendlichen, die sich so temporär in das Museum einschreiben können. Damit «gibt das Museum Deutungshoheit ab und wird vielstimmiger», schreibt Eva Meran in einer Publikation über Methoden der personalen Vermittlung im Museum (2025, 45). «Wir versuchen die Besucher*innen stark zu machen, indem sie Gegenwarts- und Lebensweltbezüge mit einbringen können», erklärt uns Eva Meran in der Hauptausstellung.
Geschichte erzählen: Wie Propaganda und Gewalt ausstellen?
Zu Beginn der Konzeption war eine zentrale Frage, ob die Ausstellung einen chronologischen oder thematischen Zugang zu Geschichte präsentieren soll. «Wir haben am Anfang beide Strategien verfolgt, aber dann die Ausstellung immer mehr chronologisiert», erinnert sich Eva Meran. Am deutlichsten wird die lineare Erzählung entlang eines in der Art eines Schaulagers gestalteten Elements, das sich über die gesamte Länge der beiden Räume zur ersten und zweiten Republik erstreckt. Zeitlich unterteilt bietet es durch 57 Stationen Einblicke in die Macht und Mehrdeutigkeit von Bildern und ihr Wirken in der Geschichte. Im oberen Bereich des Regalelements dominieren Plakate die Szenografie. Uns fällt auf, dass einige weiss sind. Eva Meran erklärt, dass es sich dabei um Propagandamotive handle. Wenn wir sie uns anschauen möchten, müssten wir das Konstrukt betreten. Dann aber sei die Wirkung der Bilder durch die Verstrebungen gebrochen. «Wir möchten der Propaganda nur begrenzt Raum geben», erläutert uns Eva Meran. Die Methode ist einfach, aber wirkungsvoll in ihrer Präsentationsästhetik.
Und: Wofür lohnt es sich zu kämpfen?
Die fragende und selbstreflexive Haltung des hdgö ist durchgängig spürbar und mündet in der Hauptausstellung in einer bunten Post-It-Wand, wo Besucher*innen ihre Antwort auf die Frage, wofür es sich zu kämpfen lohnt, aufschreiben und anbringen können. «Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir diese Ausstellung abschliessen», erzählt uns Eva Meran. Die Wand ermöglicht Debatte und ist zugleich selbst ein Symbol für die Vielstimmigkeit der Demokratie. Damit endet die Hauptausstellung mit einem Stimmungsbild der Gegenwart. Wer die Ausstellung verlassen möchte, muss wieder zurücklaufen; rückwärts durch die Geschichte bis ins Foyer. Hier bietet sich Raum für Reflexion und Austausch. Während unseres Besuchs ist es langsam voller geworden. Denn jeden Donnerstagabend ist der Eintritt frei.
Am Puls der Zeit: Noch mehr Austausch und eine Sammlung im Aufbau
Um mit den Menschen ausserhalb des Museums in den Austausch zu kommen, geht das Vermittlungsteam des hdgö vor die Türe der Neuen Hofburg. Dafür gibt es das «Bewegte Museum». Das ist ein Wagen, der klein genug für einen Aufzug ist, aber trotzdem genug Raum für Diskussion bietet. Auch um die österreichische Zeitgeschichte zu bewahren und zugänglich zu machen, verlässt das hdgö die eigenen vier Wände und baut aktiv eine Sammlung auf. Dabei setzt es gemäss einem detaillierten Sammlungskonzept auch auf die Methode des Rapid Response Collectings. So werden etwa passend zum Sammlungsschwerpunkt «Heldenplatz» Demonstrationsteilnehmer*innen nach ihren Plakaten gefragt, die dann eine Woche später als Beispiel gegenwärtiger Protestkultur in der Hauptausstellung zu sehen sind (vgl. hdgö Sammlungskonzept).
Vermittlungsarbeit als Dialog: Geschichte schreibt sich nicht allein
Monika Sommer erklärt uns, dass am Welcome-Desk im Foyer immer eine Person aus dem Vermittlungsteam sitzt. Dialog führen, nachfragen, diskutieren, aber auch dagegenreden, wenn etwas problematisch ist, so lautet die Devise des hdgö. «Das ist wichtig, gerade in einem Zeitgeschichte-Museum», betont die Direktorin. Um den Anspruchsgruppen gerecht zu werden, werden diverse Workshops angeboten, und immer gilt: Dialog als Prinzip. Die personelle und mediale Vermittlungsarbeit ist im institutionellen Selbstverständnis zentral. Das Vermittlungsteam ist von Anfang an bei der Ausstellungskonzeption beteiligt. «Wir profitieren davon. Ausstellungen entstehen so ganz anders», betont Monika Sommer. Eva Meran verweist auf den Gewinn der verständlichen Ausstellungstexte: «Bei uns gehen die Texte durch so viele Hände, bis sie nicht mehr eine Autor*in haben.» Ein grosses Team räumt dem «Leitbild Vermittlung» im praktischen Museumsalltag viel Platz ein. Trotzdem bemerkt Monika Sommer: «Wir haben mehr Anfragen als Kapazität.» Ein anderes Prinzip fällt hier ins Gewicht: Qualität vor Quantität, nur kleine und nie mehr als drei Gruppen zur gleichen Zeit.
Teil der Gesellschaft: Beeindruckende Beziehungsweisen
Als wir das hdgö verlassen, sind wir beeindruckt: Von der Art und Weise wie das Team des jungen und vergleichsweise eher kleinen Museums Zeitgeschichte vermittelt, die Konstruktion von Österreichbewusstsein aktiv verhandelt und dadurch Raum für Geschichts- und Handlungsbewusstsein schafft. Ein «an Partizipation orientiertes Museum» hat uns überzeugt, dass auch hinter einer kaiserlichen Fassade ein niederschwelliger und einladender Ort entstehen kann, der als Demokratieforum eine «zentrale gesellschaftliche Funktion erfüllt: Das aushandelnde Miteinander» (Benedikt et al. 2025, 48). Hier wird das Verständnis von Museum als politischer Ort geradezu greifbar. Im Web und vor Ort, aber auch draussen auf dem Heldenplatz stehen Austausch und Verbindung im Zentrum. Das passt zum relationalen Museumsverständnis von Kulturwissenschaftler Joachim Baur, der vorschlägt, das Museum umfassend mit der Perspektive von Beziehungsweisen zu denken, also sich «auf die Beziehungen selbst zu beziehen» (Baur 2025, 224) und das Museum so «als Ensemble sozialer Relationen» zu verstehen (ebd., 225)
Ein Meilenstein für die österreichische Museumslandschaft
Nachdem Gründungsdirektorin Monika Sommer schon in der Eröffnung des hdgö einen «Meilenstein für die österreichische Museumslandschaft» (Sommer 2021, 815) sah, hat es das hdgö geschafft, sich nach einem komplizierten Start und weitläufiger Skepsis, in der Museumslandschaft zu etablieren. Das Museumspublikum wird als vielfältige Anspruchsgruppe verstanden. Denn «Geschichte schreibt sich nicht allein, alle sind eingeladen mitzugestalten», so die Direktorin. Hinter den dicken Mauern der Neuen Hofburg heisst es deshalb auch nicht: «Das ist Österreich!», sondern: «Das ist Österreich?!». Genau dieses so informierte wie involvierte Fragezeichen ist ein typisches Merkmal für das Selbstverständnis des hdgö, das Fragen stellt und die Besucher*innen einlädt, selbst Antworten zu finden. Eine offene Frage verlangt aber nach einer baldigen Antwort: Das hdgö soll in das Wiener Museumsquartier umziehen. Wann und wohin genau, ist noch unklar. Die Vorbereitungen für die Neukonzeption der neuen Hauptausstellung laufen trotzdem jedoch schon mit Vorfreude. Die Transformation der Museumslandschaft geht weiter und ein Haus bleibt in Bewegung.
hdgö – Haus der Geschichte Österreich. Neue Hofburg, Heldenplatz Wien. Eintritt Vollpreis 10 €, Di-So 10-18:00, Do 10-20:00, ab 18:00 Uhr freier Eintritt. www.hdgoe.at
Literatur- und Quellenverzeichnis
Baur, Joachim: Beziehungsweise Museum. Paradigmenwechsel 1993/2023. In: Renate Flagmeier u.a. (Hg.): Werkbundarchiv – Museum der Dinge. Objekte, Ausstellungen, Räume. Eine Museumsgeschichte. Leipzig: Spector 2025, S. 218–227.
Benedik, Stefan u.a.: Vom Museum der Ersten und Zweiten Republik zum Haus der Geschichte Österreich, vom Repräsentations- zum Partizipationsmuseum. In: Wiener Hefte, Nr. 4, 2025, S. 30–51.
hdgö: Leitbild Haus der Geschichte Österreich. Erarbeitet in einem partizipativen Prozess (2021/22) vom hdgö-Team mit Beiträgen des wissenschaftlichen Beirats. Aktualisierung bei Bedarf. Stand: Juni 2024. URL: https://hdgoe.at/leitbild. (Zugriff: 31.05.2026).
hdgö: Sammlungskonzept. URL: https://hdgoe.at/category/sammlung. (Zugriff: 31.05.2026).
Meran, Eva: Anfangen/abschließen. In: Angelika Doppelbauer u.a. (Hg.): Methoden der personalen Vermittlung im Museum. Bielefeld: Transcript Verlag 2025, S. 40–47.
Sommer, Monika: Zeitgeschichte und Museen. In: Marcus Gräser, Dirk Rupnow (Hg.): Österreichische Zeitgeschichte – Zeitgeschichte in Österreich. Eine Standortbestimmung in Zeiten des Umbruchs. Wien/Köln: Böhlau 2021, S. 798–825.