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«Non-Memory»: Über die stillen Spuren der Erinnerungskultur (Adina Nilsson)

  • Die Bima, das einzige erhaltene Relikt der ehemaligen Synagoge von Tarnów

  • Katarzyna Suszkiewicz führt uns in das Żydowskie Muzeum Galicja (Jüdische Museum Galizien) ein

  • Magda Bartosz zeigt uns die Bima, das einzige erhaltene Relikt der ehemaligen Synagoge von Tarnów

  • Studierende führen uns durch das Krakauer Viertel Kazimierz

Die Studienreise nach Krakau und Umgebung war für mich nicht nur eine akademische Exkursion, sondern eine zutiefst emotionale Erfahrung. Trotz, oder gerade wegen, des eng getakteten Programms, das kaum Raum zum Innehalten liess, wurde mir schmerzhaft bewusst, wie schwer es ist, das Gesehene, Gehörte und Gefühlte zu verarbeiten. Auschwitz, Tarnów, das jüdische Viertel Kazimierz, alles Namen, die man zu kennen glaubt, doch vor Ort entfalten sie eine Wucht, auf die kein Seminar vorbereiten kann.

Ich habe mich deshalb entschieden, diesen Bericht nicht als lineare Wiedergabe der Reise zu verfassen, sondern als Versuch, einen würdevollen Umgang mit dem Erlebten zu finden. Mich beschäftigt die Frage: Wie können wir den Opfern und Überlebenden des Holocaust mit grösstem Respekt jenseits von Symbolen, Gedenktafeln und Museumsrundgängen begegnen?

Inspiriert von Roma Sendykas Begriff der „non-memory“, von der performativen Kraft des Schweigens und dem sensiblen Wissen, das sich manchmal nur in Gesten und Blicken äussert, möchte ich Möglichkeiten erkunden, wie positive, fürsorgliche Erinnerungspraktiken aussehen könnten. Nicht laut, nicht heroisch, sondern leise, achtsam, vielleicht sogar zögerlich.

Die Reise war anstrengend, sowohl physisch als auch emotional. Doch gerade diese Erschöpfung weist auf etwas Wesentliches hin. Nämlich, dass Erinnern kein blosser Akt des Gedenkens ist, sondern ein verantwortungsvolles Handeln im Heute. Dieser Bericht ist mein Versuch, dem gerecht zu werden.

Zwischen Ausstellung und Erschütterung

Der Besuch der Gedenkstätte Auschwitz und Birkenau am Mittwoch unserer Studienreise war für mich ein Wendepunkt. Als wir durch das bekannte Tor mit der zynischen Inschrift „Arbeit macht frei“ traten, verschob sich etwas. Es war nicht der Schock des Neuen, es war das Unfassbare, das in seiner physischen Präsenz jeden Erklärungsversuch überstieg.

Die Führung wurde von einem etwa 40 Jährigen Guide geleitet. Er war professionell, informiert, zugewandt. Und doch war spürbar, dass er nicht aus eigener Betroffenheit sprach, sondern aus einer vermittelten Perspektive. Es war eine sachliche, gut strukturierte Darstellung, mit dem Versuch, das Unmögliche erzählbar zu machen. Dabei wurde mir schmerzhaft bewusst, dass wir uns in einer

Übergangszeit befinden, denn die direkte Zeugenschaft schwindet. Was bleibt, sind Erzählungen über Erzählungen. Erinnerungen in zweiter oder dritter Generation. Ich erfuhr, dass in den ersten Jahren nach der Öffnung des Lagers tatsächlich ehemalige Häftlinge als Guides gearbeitet hatten. Ihre Präsenz war eine Form der körperlich erlebten Erinnerung. Heute hingegen stehen wir an einem Punkt, an dem das Erinnern selbst musealisiert ist. Alles wurde weitergegeben, strukturiert, didaktisch aufbereitet. Das ist notwendig. Und doch auch brüchig.

Die Gedenkstätte ist ein Ort zwischen Konservierung und Störung. Sie zeigt, was war und macht gleichzeitig deutlich, dass das Gezeigte nie genügen kann. Zwischen Ausstellungsvitrinen und Besuchergruppen liegt eine Spannung. Wie kann man etwas „erklären“, das im Kern unbegreiflich bleiben muss?

In dieser Lücke liegt für mich eine ethische Aufgabe darin, nicht alles zeigen zu wollen, sondern bewusst Raum zu lassen. Für das Unsagbare. Für Schweigen. Für Respekt. Vielleicht ist das auch eine Form dessen, was Roma Sendyka als „non-memory“ beschreibt. Nämlich Erinnerung, die nicht durch Worte oder Symbole vermittelt wird, sondern durch Verhalten, durch Gesten, durch das, was nicht gesagt wird.

«Non-Memory»: Erinnerung jenseits der Worte

Der Vortrag von Roma Sendyka, am Folgetag der Exkursion nach Auschwitz und Birkenau, an der Jagiellonen-Universität in Krakau war für mich der intellektuelle Höhepunkt der Studienreise. Nicht weil er eine klare Antwort auf die Frage gab, wie man erinnern soll, sondern weil er überhaupt eine andere Sprache für Erinnerung eröffnete.

Neben der musealen Infrastruktur zentraler Gedenkorte wie ehemaligen Konzentrationslagern gibt es zahlreiche vergessene oder marginalisierte Orte der Gewalt, die bislang kaum Teil des kollektiven Gedächtnisses sind. Besonders eindrücklich war dabei der Hinweis auf Morde, die ausserhalb von Lagern stattfanden, etwa auf improvisierten Exekutionsstätten oder anonymen Begräbnisplätzen. Diese Orte sind selten museal erschlossen und stehen beispielhaft für Ausschlüsse innerhalb der institutionalisierten Gedenkkultur.

Sendyka sprach über non-memory, der Begriff wurde ursprünglich von den Soziologinnen Maria

Hirszowicz und Elżbieta Neyman geprägt. Sie verstanden darunter kollektive Leerräume in der Erinnerung, die durch Verdrängung, institutionelle Tabus oder strategisches Schweigen entstehen, jenseits individueller Vergessenserfahrungen (Hirszowicz & Neyman, 2007). Was mir zunächst sperrig erschien, trat dann immer deutlicher in Resonanz mit dem, was ich selbst vor Ort empfand. Es meint die Leerstelle zwischen Wissen und Erfahrung, zwischen Erzählen und Verstummen. Non-memory meint keine Verdrängung, kein aktives Vergessen. Es bezeichnet vielmehr jene Formen von Erinnerung, die sich dem symbolischen Zugriff entziehen. Beispielsweise das Umgehen eines Feldes, das Schweigen einer Familie, das Vermeiden eines Blicks, aber eben auch das Beharren auf Alltagsgesten, die an das Vergangene erinnern, ohne es auszusprechen. Auch augenscheinliche Merkmale wie ein eingekerbter Davidstern in einer Baumrinde oder Überreste, die von Vegetation überwuchert oder von Müll bedeckt sind. Als besonders rührend empfand ich Sendykas Beispiel eines Bauern, der ein unmarkiertes Massengrab beim Pflügen sorgfältig umfährt, nicht aus Unwissenheit, sondern aus einer still weitergegebenen Kenntnis, denn die Erinnerung lebt auch ohne Worte.

Diese Perspektive hat meinen Blick auf die Orte, die wir besucht haben, verändert. Während museale

Räume wie das Galicia Jewish Museum oder die Gedenkstätte Auschwitz mit erklärender Sprache,

Bildern und Daten arbeiten, existieren andere Orte des Todes. Sogenannte killing sites, völlig ohne Markierung. Und doch sind sie im kollektiven Gedächtnis präsent. Nicht über Monumente, sondern durch soziale Praktiken, durch das „Nicht-Tun“, also das nicht drüber gehen, nicht aufbauen, nicht vergessen, aber eben auch nicht erzählen.

Sendyka zitiert in ihrem Text den Satz: „Losing memory is not forgetting.“ (Sendyka, 2022). Diese Differenz ist entscheidend. In einer Zeit, in der die zweite und dritte Generation Erinnerung weiterträgt, muss klar sein, dass Schweigen nicht gleich Gleichgültigkeit ist. Auch ist nicht jeder Versuch, das Schweigen zu brechen, ein Akt des Respekts. Manchmal ist Schweigen selbst die Sprache des Erinnerns.

Ein weiterer Aspekt, den Roma Sendyka in ihrem Vortrag nannte, war die Beobachtung, dass Betroffene, etwa aus der Romani-Community, sich nach den Gewalterfahrungen häufig konservativen Familienbildern zuwandten. Diese Form der Stabilisierung kann als Reaktion auf das durch Gewalt zersetzte soziale Gefüge verstanden werden. Die traditionelle Familie wird zum Schutzraum, zur Struktur gegen das Chaos. Ich fragte mich, ob sich dieser Gedanke nicht auch auf andere Überlebendengruppen übertragen lässt, etwa auf jüdische Familien. Auch dort scheint es Tendenzen zu geben, in der Nachkriegszeit durch Rückgriff auf vertraute, strukturierende Ordnungen ein Stück Kontrolle zurückzugewinnen. Was oberflächlich als „konservativ“ erscheint, ist vielleicht in Wahrheit ein stiller Wiederaufbau von Sicherheit, eine Form der non-memory, die in der Alltagsstruktur weiterlebt, ohne sich direkt zur Vergangenheit zu bekennen. Diese Beobachtung öffnet zudem den Blick dafür, dass die Erinnerung an die Shoah nicht allein eine jüdische Geschichte ist. Auch Romnja, politische Gefangene, Homosexuelle, Menschen mit Behinderungen oder Andersdenkende wurden Opfer des NS-Terrors. Dennoch dominiert im kollektiven Gedächtnis oft ein eng gefasstes Opferbild. Gerade in Osteuropa wurden viele Opfer nicht in Lagern, sondern in unmarkierten Wäldern oder Gruben erschossen, man nennt dies hollocaust by bullets. Diese sogenannten killing sites sind selten musealisiert, häufig unmarkiert. Doch sie sind nicht vergessen, denn Lokale Gemeinschaften bewahren ihr Wissen darüber oft durch implizite Praktiken, wie etwa das Meiden der Orte, das Nichtpflücken von Beeren, das Weitergeben von Geschichten über gefährliche Plätze. Sendyka nennt dies non-sites (topografischer Mangel) und non-memory(Gedächtnis ohne Symbolik), eine stille Form kollektiven Erinnerns, die respektvoller sein kann als ein offizielles Mahnmal. Dennoch dominiert im kollektiven Gedächtnis oft ein eng gefasstes Opferbild. Gerade in Polen, wo viele dieser Gruppen keine repräsentative Stimme in der Erinnerungskultur haben, ist es wichtig, auch diese Geschichten sichtbar zu machen, oder wie Sendyka sagen würde, ihre non-memory ernst zu nehmen.

Ich habe in ihrem Vortrag etwas gelernt, dass wir als Nachgeborene nicht nur fragen sollten, was erinnert wird, sondern wie, und warum manchmal eben auch nicht. Diese Haltung des inklusiven Erinnerns verlangt Achtsamkeit, Langsamkeit, Rücksicht. Und sie stellt uns vor eine ethische Herausforderung, denn nicht überall, wo es still ist, fehlt Erinnerung. Besonders spannend war dabei der Aspekt der forensischen Erinnerung. Wie lassen sich unmarkierte Orte des Tötens rekonstruieren, wenn es keine sichtbaren Spuren mehr gibt? Sendyka verwies auf Methoden wie magnetische Bildgebung,

Arealaufnahmen oder Bodenradar, Technologien, die ich in ähnlicher Form aus der Forensic Architecture kannte. Wo konkrete Bildquellen oder Zeugnisse fehlen, helfen technische Methoden dabei, Fragmente vergangener Gewalt zu einem narrativen Bild zusammenzufügen.  Auch dies ist eine Form des Gedenkens. Zwar technisch und analytisch, aber dennoch zutiefst respektvoll. Es geht nicht nur um das Erzählen, sondern auch um das Sichtbarmachen des Unsichtbaren.

Reflexion

Die Tage in Krakau, Auschwitz und Tarnów waren für mich keine Bildungsreise im klassischen Sinn. Sie waren vielmehr ein ständiger Grenzgang zwischen Überforderung und Erkenntnis, zwischen historischem Wissen und emotionaler Erschütterung. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir bewusst, dass Erinnern nicht nur eine Frage von Fakten oder Symbolen ist, sondern vor allem eine Frage der Haltung. Für mich bedeutet fürsorgliches Erinnern, dass wir anerkennen, wie brüchig, wie fragmentarisch und wie unterschiedlich Erinnerung sein kann und dass wir trotzdem versuchen, ihr gerecht zu werden. Nicht, indem wir sie mit Bedeutung überladen oder museal fixieren. Sondern indem wir Räume schaffen. Räume für Schweigen, für Nicht-Wissen, für zögerliche Versuche, das Unbegreifliche in unserer Gegenwart zu halten.

Das Konzept der non-memory hat mir gezeigt, dass Erinnern auch im Stillen geschieht, in der Art, wie

Menschen handeln, was sie meiden, was sie weitergeben, ohne es je auszusprechen. Diese Formen der Erinnerung sind nicht weniger wertvoll als Denkmäler oder Ausstellungen. Vielleicht sind sie sogar ehrlicher, weil sie die Unsicherheit und das Verstörtsein zulassen, die jede Auseinandersetzung mit der Shoah notwendig begleiten sollten.

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft lernen, Erinnerung nicht zu normieren, sondern zu begleiten. Dass wir nicht ständig nach „richtigen“ Formen suchen, sondern zuhören, beobachten, aushalten. Dass wir Betroffenen nicht erklären, was Gedenken bedeutet, sondern ihnen den Raum lassen, es selbst zu gestalten und uns dabei mitnehmen oder auch nicht. Für mich bleibt von dieser Reise vor allem eine grössere Demut im Umgang mit der Vergangenheit. Und die Erkenntnis, dass das würdigste Erinnern vielleicht dort beginnt, wo wir aufhören, über die Vergangenheit zu verfügen und beginnen, ihr zuzuhören.

Literatur

Sendyka, R. (2022). Non-memory: Remembering beyond the discursive and the symbolic. Memory Studies, 15(3), 523-538.

Hirszowicz, M., & Neyman, E. (2007). The social framing of non-memory. International Journal of Sociology, 37(1), 74-88.

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