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Ein Ort, zwei Narrative – Tod und Leben in Auschwitz und Oświęcim (Anna Schwaller)

  • Studierende beim Besuch der Gedenkstätte Auschwitz

  • Die Chewra-Lomdei-Misznajot-Synagoge in Oświęcim

  • Besuch der Gedenkstätte Auschwitz

  • Wegweiser zu den Gaskammern, Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Auschwitz ist ein niemals verheilender Schmerz im Gewissen der Welt – so schreibt es das Museum Auschwitz-Birkenau (2017, 32). Das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager gilt als grösster Schauplatz der Massenvernichtung menschlichen Lebens. Die Überreste des nationalsozialistischen Lagerkomplexes veranschaulicht die dunkelsten Abgründe der Menschheit und symbolisiert ein Ort des Terrors, in dem das Leben zu existieren aufhörte. An diesem Ort wurden über eine Million Jüdinnen und Juden sowie zehntausende Polinnen und Polen, Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene und weitere unschuldige Menschen systematisch ermordet.

Am zweiten Tag unserer Exkursion nahmen wir an einer vierstündigen Führung durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau teil. Der Rundgang führte uns an den Hinterlassenschaften begangener Verbrechen vorbei: Häftlingsbaracken, Lagerzäune, Wachtürme, Eisenbahnrampe, eisernes Haupttor «Arbeit macht frei», Trümmern der Krematorien und die erhaltene Gaskammer in Auschwitz I. Die Intensität der Ausstellungen und die erschütternden Beweise des unmenschlichen Verbrechens – beispielsweise die ausgestellten persönlichen Gegenstände der Deportierten wie die menschlichen Haare und Kinderkleider – rüttelten an unserer studentisch-wissenschaftlichen Distanz. Dieser Ort mit eigenen Augen zu sehen, hinterlässt einen bleibenden Eindruck, der sich jeder theoretischen Auseinandersetzung entzieht.

Die unübersehbare räumliche Dimension des Konzentrations- und Zwangsarbeitslager Auschwitz-Birkenau zeugt von der willkürlichen, ungehinderten Terrorherrschaft, der organisierten Tötung und des millionenfachen Mordes an den europäischen Jüdinnen und Juden. Die Authentizität des Geländes allesamt Spuren der dort verübten Verbrechen machen den besonderen Charakter des Ortes aus. Die Wege, auf denen die Menschen in die Gaskammern geführt wurden, die Orte der Exekution oder die Plätze, auf denen ganze Familien auf den Tod warteten sind ein historisches Zeugnis für die ungeheure Gewalt und Wut der systematischen Vernichtung von über 1.5 Millionen Menschen.

Interior of the gas chamber still standing in the main Ausschwitz camp:

«Mummy, when they kill us, will it hurt?»

«No, my dearest, it will not hurt. It will only take one minute.»

It may have taken only one minute – but it is enough to keep us awake till the end of the time.

(Galicia Jewish Museum, Krakau) 

Im ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz wurde im Jahr 1947 ein staatliches Museum eingerichtet, was das ehemalige Lagergelände und seine Objekte bewahren sollte. Zum Museum gehören zwei Komplexe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz: das Stammlager (Auschwitz I) in Oświęcim sowie das Lager Birkenau (Auschwitz II) in Brzezinka (Auschwitz-Birkenau Museumsmaterial 2017, 13–14). In der KZ-Gedenkstätte erhält man ein Bild der Brutalität der totalen Vernichtung im Holocaust. Auschwitz ist demzufolge neben der KZ-Gedenkstätte gleichzeitig ein Tatort, aber auch ein Friedhof sowie ein Ort der Erinnerung an Millionen von Menschen, die das Lager nicht überlebten, an ihr Leben und Sterben (Rabuza 2023, 14).

Das Ende der menschlichen Sozialität

Die nationalsozialistische Politik der Auslöschung von Jüdinnen und Juden sowie Roma und Sinti hat die menschliche Solidarität grundlegend erschüttert (Rabuza 2023, 17). Für Hannah Arendt beginnt die Zerstörung der menschlichen Sozialität dabei nicht erst beim systematischen Massenmord, sondern bereits im System des Konzentrationslagers (Arendt 2017, 929–930). Arendt versteht den systematischen Mord in den Konzentrations- und Vernichtungslagern als ein Verbrechen, womit wir nicht fertig werden, was wir nicht zu fassen und zu bewältigen vermögen und sich folglich allen Kategorien der menschlichen Sozialität entzieht. Demzufolge werden Auschwitz und die nationalsozialistische Verfolgung als Bruch durch die Geschichte, Kultur und durch das menschliche Leben als Ganzes rezipiert (Rabuza 2023, 22). Darüber hinaus lässt sich argumentieren, dass sich der Genozid durch politische und soziale Praktiken der Wiedergutmachung nicht mehr einholen lässt – wodurch Auschwitz als Ort der Unversöhnung betrachtet werden kann.

Neben der gedächtnisphilosophischen Frage, wie ein Leben nach Auschwitz überhaupt möglich ist und inwiefern Versöhnung nach dem Holocaust (nicht) stattfinden kann, stellt sich diese Frage ganz konkret im sozialen Raum Oświęcim. Dabei bietet der Ort selbst eine greifbare Antwort darauf, wie ein Leben nach Auschwitz aussieht.  

«Das Lager» versus «die Stadt»

Es existieren zwei Auschwitz: Auf der einen Seite steht das «lebendige» Oświęcim, auf der anderen das «tote» Auschwitz (Van de Putte 2021, 91). Obwohl beide Begriffe auf den gleichen geografischen Ort verweisen, wird eine Grenze zwischen diesen Wörtern und Welten gezogen. Die beiden Ortsbezeichnungen – also sowohl die polnische als auch die deutsche Version des Stadtnamens – werden seit der Stadtgründung im 14. Jahrhundert verwendet (Van de Putte 2021, 92–93). Die zwei Toponymen sind an einem Ort wie diesem nicht per se ungewöhnlich, denn er befindet sich in einem sich ständig verschiebenden Grenzgebiet zwischen dem deutschen und polnischen Gebiet. Nach dem deutschen Überfall auf Polen im Jahr 1939 wurde ein Teil des polnischen Gebiets, darunter die Stadt Oświęcim, dem Dritten Reich angeschlossen. Mit der deutschen Besetzung Polens sollte die kleine Stadt in Südpolen in die deutsche Stadt Auschwitz umgewandelt werden (Charlesworth et al. 2006, 153). Im Folgejahr 1940 wurde das Konzentrationslager Auschwitz in einem Randbezirk der Stadt errichtet (Auschwitz-Birkenau Museumsmaterial 2017, 3–4).

Erst die nationalsozialistische Besatzung und der Holocaust verleihen dem Ort eine weitere Bedeutungsebene. Sławomir Kapralski verwendet den Begriff «Lokalisierung des Bösen», um darauf hinzuweisen, dass ein konkreter Ortsname zur vielschichtigen, symbolischen Chiffre für vergangene Schrecken wird, die sich an diesem konkreten Ort ereigneten (Van de Putte 2021, 93). Im Kontext des Holocaust – eines Ereignisses, dessen Grausamkeit sich sprachlicher Kommunizier- und Darstellbarkeit weitgehend entzieht – erfolgt die Lokalisierung des Bösen über die Namen bestimmter Orte, zum Beispiel «Auschwitz» (Kapralski 2006, 187). Auschwitz fungiert somit nicht nur als geografische Bezeichnung, sondern verweist auf ein konkretes historisches Gewaltereignis.  

Auschwitz und Oświęcim – Zwei Erinnerungsräume

Mit dem Begriff «Auschwitz» wird auf eine vergangene Zeitperiode verwiesen – die Zeit der deutschen Terrorherrschaft. Dabei bezieht sich der Begriff «Auschwitz» auf die Orte des ehemaligen Vernichtungslagers und des heutigen Museums. Oświęcim hingegen bezeichnet die historische Stadt, in der auch die heutige polnische Gemeinschaft lebt. Darüber hinaus wird Auschwitz als Ort des Gedenkens sakralisiert und soll die globale Erinnerungsgemeinschaft ansprechen, wohingegen Oświęcim als Raum der Alltäglichkeit und des gewöhnlichen Lebens konstruiert wird (Van de Putte 2021, 93). Diese Verwendung der beiden Begriffe ist unter den Einheimischen sehr verbreitet. Sie greifen diese räumliche, zeitliche sowie kognitive Unterscheidung zwischen den beiden Konzepten auf, um innerhalb ihres physischen Lebensraums zwei verschiedene Räume zu konstruieren, um sich nicht zuletzt von der Erinnerungslandschaft Auschwitz und der Vergangenheit, die Auschwitz hervorruft, proaktiv zu distanzieren. Die Verwendung zweier verschiedener Toponyme dient ausserdem dazu, die Erinnerung an den Holocaust vom gewöhnlichen Leben abzugrenzen, was dazu beitragen kann, diese Last zu erleichtern (Van de Putte 2021, 94).

Die Abgrenzung und Distanz zwischen dem heutigen Museum und der Stadt spiegelt demzufolge eine aktuelle Tendenz in der polnischen Öffentlichkeit wider, Erinnerungsräume im Zusammenhang mit dem Holocaust als «anders» und vor allem als «deutsch» zu konstruieren (Van de Putte 2021, 99). So bezeichnet Auschwitz den Ort des Verbrechens – und dies in der Sprache der Täter, in deutscher Sprache. Die Grenzen zwischen diesen Begriffen – ebenso die mentale Abgrenzung – verlaufen jedoch fliessend. Überreste der nationalsozialistischen Besatzung sind heute noch im gesamten Stadtgebiet zu finden: Neben Stacheldraht und unterirdischen Bunkern stand bis vor einigen Jahren ein Bunker mitten auf dem Hauptplatz. Die Tatsache, dass die Überreste der Schreckensherrschaft in der ganzen Stadt verstreut sind, macht die Abgrenzung zwischen Auschwitz und Oświęcim komplexer (Van de Putte 2021, 93).

Darüber hinaus betont die Unterscheidung der beiden Ortsbezeichnungen die Bedeutung von zwei Geschichten – die deutsche und die polnische. Aus polnischer Sicht wird dabei betont, dass die Stadt nicht für das Lager verantwortlich gemacht werden kann, das infolge des Holocausts an diesem Ort errichtet wurde. Polen als Land wurde insgesamt zum Opfer der deutschen Terrorherrschaft. Auch Oświęcim war vor dem Zweiten Weltkrieg eine gewöhnliche Stadt mit einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft. Für die einheimische Bevölkerung wäre es unvorstellbar gewesen, dass Auschwitz/Oświęcim später zum Schauplatz des Völkermords und zum Symbol des Holocausts werden würde. Interessant ist festzustellen, dass in den letzten drei Jahrzehnten sowohl katholische Polinnen und Polen als auch Jüdinnen und Juden zunehmend in die Stadt zurückgekehrt sind und sich diesen Ort allmählich aneignen. Während der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurden in der Stadt und ihrer Umgebung zahlreiche Gebäude gesprengt und Häuser des ehemaligen Dorfes zerstört. Zunehmend kehrten Menschen an diesen Ort des Schreckens zurück, um sich das alte Material wieder anzueignen und das kulturelle wie auch historische Erbe, das während der Kriegsjahre verloren ging, zurückzugewinnen.

Das Beispiel von Auschwitz und Oświęcim veranschaulicht, wie zwei unterschiedliche Erinnerungslandschaften konstruiert werden – trotz ihrer identischen Bedeutung als Toponyme. Während Auschwitz als weltweites Symbol des nationalsozialistischen Vernichtungslagers gilt, ist Oświęcim eine lebendige Stadt. Diese Doppelbedeutung bringt Schwierigkeiten und Dilemmata mit sich und macht deutlich, wie komplex das alltägliche Leben an einem Ort ist, der weltweit mit unermesslichem Leid und Tod assoziiert wird. Dies ist jedoch nicht das einzige Beispiel für derartige Auseinandersetzungen, denn in ganz Polen und im übrigen Mitteleuropa können wir Orte der Besatzung und des Völkermordes skizieren: Ghettos, Netzwerke von Konzentrations-, Arbeits- und Todeslagern oder die Infrastrukturen der nationalsozialistischen Herrschaft wie Strassen, Eisenbahnen und Industrien (Charlesworth et al. 2006, 152). So war die Geografie des Nachkriegspolens fast überall von der NS-Geschichte «verseucht».

Zwischen Erinnerung, Kulturerbe und Tourismus

Oświęcim unterscheidet sich jedoch von anderen Erinnerungsräumen, an denen der Holocaust stattfand, und stellt ein spezielles Beispiel dar – aufgrund seiner Bekanntheit als Todeslager «Auschwitz». Darüber hinaus entwickelte sich das Museum und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau von einer staatlichen Einrichtung zu einer globalen Kulturerbe-Institution (Charlesworth et al. 2006, 164–168). Nicht zuletzt handelt es sich bei Auschwitz-Birkenau um eine Touristenattraktion mit rund 1 Million Besucher:innen pro Jahr. Doch Auschwitz ist keine gewöhnliche Attraktion – es ist ein Ort, an dem unzähligen Menschen das Leben genommen wurde und mit jedem Einzelnen auch eine ganze Welt verloren ging. In diesem Sinne erinnert uns Auschwitz schmerzlich an die Wahrheit des Satzes: «To save a single life is to save a whole world.» (Talmud)

 

Arendt, Hannah. 2017. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft: Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft. München: Piper Verlag GmbH.

Charlesworth, Andres, Alison Stenning, Robert Guzik und Michal Paszkowsi. 2006. ‘Out of Place’ in Auschwitz? Contested Development in Post-War and Post-Socialist Oświęcim. Ethnics, Place and Enviroment 9: 149–172. doi: 10.1080/13668790600707618.

Kapralski, Slawomir. 2006. The Jedwabe Village Green?: The Memory and Counter-Memory of the Crime. History and Memory 18: 179–194. doi: 10.1353/ham.2006.0004.

Rabuza, Nina. 2023. Verräumlichte Erinnerung. Die Grenzen der Darstellung nationalsozialistischer Gewalt am Modell der KZ-Gedenkstätte Dachau. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Van de Putte, Thomas. 2021. Delineating memoryscapes: Auschwitz versus Oświęcim. Holocaust Studies 27: 91–105. doi: 10.1080/17504902.2019.1625117.

Memorial and Museum Auschwitz-Birkenau. Auschwitz-Birkenau – Vergangenheit und Gegenwart. 2025.https://www.auschwitz.org/en/german/, Zugriff am 01.05.2025.

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