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Holocaust-Erinnerung am Fall der Gedenkstätte bei Zbylitowska Góra (Lia Hull)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (Fernaufnahme)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (mittlere Entfernung)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (Nahaufnahme)

Die Tatsache, dass Polen geografisch jene Stelle markiert, die die deutschen Nationalsozialisten für die staatliche und systematische Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen gewählt hatten, prägt wenig überraschend die Erinnerung an die Verflechtung von jüdischer und polnischer Geschichte.

Während unserer fünftägigen Exkursion in Krakau und Tarnów, im Rahmen derer wir uns mit Erinnerungspraktiken an jüdisches Leben und Sterben in dieser Region Polens beschäftigten, wurde mein Bild dieser Geschichte differenzierter und ambivalenter. Wie unter anderem die Dauerausstellung «Traces of Memory» im Galicia Jewish Museum in Krakau, die wir am ersten Tag unserer Exkursion besuchten, verdeutlichte, ist das gegenwärtige jüdische Erbe im post-Holocaust Polen von verschiedenen, teils widersprüchlichen Narrativen durchzogen ist. Eine homogene kollektive Erinnerung existiert nicht.

Die Ausstellung gliedert das jüdische Erbe in fünf thematische Schwerpunkte, die unterschiedliche Perspektiven aufzeigen, sowohl durch externe Betrachter:innen als auch durch Akteur:innen innerhalb Polens mit eigenen kulturellen und lebensweltlichen Bezugspunkten.

Im ersten Teil der Ausstellung wurde beispielsweise die häufig von nicht-polnischen Jüdinnen und Juden vertretene Perspektive vorgestellt, dass Polen heute «nichts als eine Landschaft der Stille [ist], die schmerzhaften Ruinen einer tragischen Vergangenheit»[1], wo keine jüdischen Gemeinschaften mehr existieren und eine grosse Leerstelle zurückbleibt. Im Kontrast dazu hob der zweite Teil die fortbestehenden Spuren des jüdischen Erbes hervor, das vor dem Holocaust entstand, in einer Zeit, in der rund drei Millionen jüdische Pol:innen im Land lebten. In diesem Teil stand die Erinnerung an die vielfältige jüdische-polnische Geschichte im Zentrum, jenseits ihrer Reduktion auf den Holocaust.

Wie es auch die Ausstellung von ihren Besuchenden verlangte, forderten uns die Begegnungen mit verschiedenen Gedenkorten und Expert:innen der polnisch-jüdischen Erinnerungskultur dazu auf, jüdisches Leben in Polen und die vielfältige Erinnerung daran immer wieder aus der Perspektive anderer Schwerpunktsetzungen zu betrachten. Dabei verlor die historische Zentralität des Holocausts in dieser Geschichte nicht an Bedeutung.

In meinem Exkursionsbericht möchte ich also einen Teil dieser pluralen Erinnerungskultur thematisieren: unseren Besuch der Gedenkstätte im Buczyna Wald bei Zbylitowska Góra. Dort wurden zwischen 1939 und 1944 schätzungsweise 10'000 Menschen von der SS ermordet, darunter zwischen 6'000 und 8'000 Jüdinnen und Juden.[2]

Diesen Ort möchte ich vor dem Hintergrund einer mehrdimensionalen Erinnerungskultur an den Holocaust thematisieren, wo verschiedenen Narrative nebeneinander existieren. Folgend soll ein grober Überblick über die Entwicklung der Holocaust-Erinnerung sowie über die Thematik der Erschiessungsstätten meiner Schilderung des Besuchs vorangehen.[3]

Der zweite Weltkrieg führte auch zu einem demografischen Einschnitt der polnischen Bevölkerung, die sich im Zuge des Holocausts und der Konferenz von Jalta zu einer polnisch-katholischen Gesellschaft homogenisierte.[4] Vor dem zweiten Weltkrieg lebten nach Schätzungen 3'000'000 jüdische Pol:innen vor allem in den urbanen Teilen des Landes, was ungefähr 10% der damaligen Bevölkerung ausmachte.[5] Damit man sich des dramatischen Ausmasses dieser historischen Verschiebung bewusst wird, hilft ein Blick auf den heutigen Anteil jüdischer Pol:innen, der ungefähr 15'000 Menschen beträgt.[6] Leerstehende Häuser und unbeaufsichtigte Synagogen waren materielle Spuren der nicht mehr anwesenden polnischen Jüdinnen und Juden, gegen die diskursiv angekämpft werden musste, auch um Eigentumsfragen zu umgehen.[7]

Zudem war die kollektive Erfahrung Polens im Zweiten Weltkriegs selbst von Traumata geprägt, sowohl durch die deutsche als auch durch die sowjetische Besatzung. In der heutigen nationalen polnischen Erinnerung überlagern sich daher Narrative von erlebter Opferschaft mit Auseinandersetzungen um mögliche Formen der Mittäterschaft gegenüber der jüdischen Bevölkerung.

Im Zuge der 1970er und 1980er Jahre wuchs das Interesse am jüdischen Erbe innerhalb der nichtjüdischen kulturellen Elite Polens. Mit dem Eintritt von Polen in eine kapitalistische Wirtschaftsordnung seit 1989 wurde dieses Interesse auch zunehmend von der kommerziellen Nachfrage an touristischen Kulturangeboten getragen.[8] Orte wie das jüdische Viertel Kazimierz in Krakau entwickelten sich zu populären Destinationen des sogenannten Dark Tourism, unter anderem auch verstärkt durch mediale Repräsentationen wie Steven Spielbergs Schindlers List (1993).

Die Aufarbeitung des Holocausts bedeutete für die ehemals sozialistischen europäischen Staaten auch eine symbolische Markierung der Zugehörigkeit zu einer westeuropäischen Werteordnung.[9]

Zugleich kehrten jüdische Besucher:innen teils in Gruppen, teils individuell nach Polen zurück, um Orte familiärer Herkunft und kollektiver Erinnerung zu besuchen. Nachdem Polen im Zuge des Falls des Kommunismus zu einem realen und bereisbaren Ort wurde, verfestigte sich das Land laut Erica T. Lehrer immer mehr als Symbol des Bösen im kollektiven jüdischen Bewusstsein. Die Reise dorthin wurde für viele zu einer Art Übergangsritus, das auch mit Pflichtgefühl verbunden war.[10]

So entstand zwischen symbolischer Rückkehr, historischer Verantwortung sowie Verschleieung und touristischer Vermittlung ein komplexes Feld polnisch-jüdischer Erinnerungspraktiken.

Erschiessungsstätten und die Erweiterung der Holocaust-Erinnerung

Unter dem Deckmantel sogenannter «Aussiedlungsaktionen», begann 1942 die systematische Ermordung jüdischer Menschen durch Nazi-Deutschland. In Tarnów, wo es zu dieser Zeit noch keine Ghettos gab, wurden jüdische Einwohner:innen vor den Augen der lokalen Bevölkerung aus ihren Häusern gezwungen, auf zentrale Plätze der Stadt versammelt und anschliessend in das Vernichtungslager Bełżec, auf den jüdischen Friedhof von Tarnów oder in umliegende Wälder transportiert und dort erschossen.[11]

Im Buczyna Wald bei Zbylitwoska Góra wurden durch den polnischen Baudienst 1942 im Auftrag der SS, Massengräber ausgehoben. Jüdinnen und Juden wurden am Rand der Gruben mit einem Genickschuss durch die örtliche Sicherheitspolizei und die Gendarmerie getötet. Unter den 6000 bis 8000 jüdischen Ermordeten befanden sich ungefähr 700 Kinder. Zusätzlich wurden etwa 2000 nichtjüdische polnische Gefangene ebenfalls in diesem Gebiet erschossen.

Die lokale Bevölkerung wusste von den Verbrechen. Das Gebiet wurde informell als Judenwald“ bezeichnet. Dies kann als Hinweis dafür gelesen werden, dass das Geschehene nicht vergessen, sondern auf besondere Weise umschwiegen wurde. Ein Zeitzeuge berichtete etwa, dass niemand die Brombeeren pflückte, die dort wuchsen, weil sie auf jüdischem Blut gewachsen seien“.[12]

Die Kulturanthropologin Roma Sendyka, der wir auf unserer Exkursion begegneten, bezeichnet solche Mechanismen als non-memory practices: Strategien, durch die bestimmte Ereignisse nicht vergessen, sondern aktiv aus der kollektiven Erinnerung ausgeschlossen werden.

Die Erschiessungen stellen eine Erweiterung des gängigen Bildes vom Holocaust dar. Sie widersprechen der Vorstellung, die Shoah habe sich ausschliesslich in industriell betriebenen Vernichtungslagern vollzogen, unsichtbar und weit entfernt von der Zivilgesellschaft. Stattdessen zeigen diese Erschiessungsorte, dass die Ermordung der jüdischen Bevölkerung vielerorts sichtbar und in der Nähe der lokalen Bevölkerung stattfand. Wie Agnieszka Wierzcholska betont, verlieh gerade diese unmittelbare Nähe den Verbrechen eine „sinnlich-wahrnehmbare“ und „alltäglich-reale“ Dimension und stellte für die nichtjüdische Bevölkerung eine moralische wie erinnerungskulturelle Herausforderung dar.[13]

Viele dieser dekonzentrierten Erschiessungsstätten wurden nicht zu Gedenkorten institutionalisiert, wie es nach dem Ende des Kriegs bei Zbylitwoska Góra geschah. Die Stätten befanden sich oft an Orten, wo Leute sich nicht um diese kümmern konnten, oder nicht über die Geschehnisse reden und nachdenken wollten, da die Erschiessungen auch Fragen von Schuld und Mittäterschaft aufwarfen. Doch, wie Sendyka betonte, etablierten sich an vielen dieser Orte non-memory practices als Formen des alltagskulturellen Umgangs mit dem Unsagbaren heraus, jenseits offizieller Holocaust-Erinnerungspolitik, die auch von westlichen Normen geprägt war. Dies wurde lange Zeit aus der Erinnerungsforschung ausgeklammert, tritt jedoch in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus.[14]

Eindrücke unseres Besuchs der Gedenkstätte

Am dritten Tag unserer Exkursion hielten wir zwischen Krakau und Tarnów an, um die Gedenkstätte bei Zbylitwoska Góra zu besichtigen. Die Stätte wird zunächst durch eine Gedenk- und Informationstafel markiert, die sowohl auf Polnisch als auch auf Englisch beschrieben ist und aus jüngerer Zeit stammt. Ein asphaltierter Weg führt von der Landstrasse in das Waldstück hinein. Gleich zu Beginn gelangt man zu einem grossen Monument, das 1948 noch unter dem sozialistischen Regime errichtet wurde.[15]

Auffällig war der Unterschied zwischen der Inschrift auf diesem Denkmal und der neueren Tafel: Während auf Letzterer jüdische und polnische Opfer konkret benannt und zahlenmässig differenziert werden, ist auf dem Monument ein universalistisches Narrativ zu finden; Auf Deutsch übersetzt heisst es auf der einen Seite: «Während des grossen Weltkriegs von 1939 bis 1945 wurden an diesem Ort etwa 10.000 Bürger von den Nazi-Attentätern ermordet. Zum Gedenken an das unermessliche Leid und das unschuldige Blut der Ermordeten errichtet das polnische Volk dieses Denkmal, um künftigen Generationen die Verbrechen des Nazi-Regimes auf polnischem Boden vor Augen zu führen.» Auf der anderen Seite steht: «Ehre den Opfern des Hitler-Terrors.»[16] Diese Formulierungen spiegeln das erinnerungspolitische Narrativ der Volksrepublik Polen wider, das die Singularität der jüdischen Verfolgung systematisch ausblendete.[17] Die Gegenüberstellung des älteren Monuments mit der neuen Gedenktafel macht die zeitliche Entwicklung der Erinnerung sichtbar und verweist darauf, wie stark kollektives Gedächtnis kulturell konstruiert, historisch situiert und politisch gerahmt ist.

Folgt man dem Weg weiter, gelangt man zu den Massengräbern. Wo sich die Gruben exakt befinden und wie viele Menschen dort tatsächlich begraben wurden, ist bis heute nicht sicher belegt. Die Angaben von 10.000 Opfern beruhen daher auf Schätzungen. Roma Sendyka verwies im Gespräch auf neue, nicht-invasive Methoden, die in Zukunft genauere Erkenntnisse ermöglichen könnten.

Trotzdem wurden die Massengräber symbolisch umzäunt.[18] So lassen sich einerseits Gräber der polnisch-katholischen Opfer finden, die mit Kreuzen markiert und auf Polnisch beschriftet wurden. Andererseits erinnern Gräber, die hebräische Innschriften und jüdische Grabzeichen aufweisen, an die jüdischen Ermordeten. Durch die Separierung der Gräber scheint dem Narrativ einer geteilten Opferschaft implizit entgegengewirkt zu werden.

Eine Vielzahl frischer Spuren des Gedenkens und Erinnerns stach uns beim Besuch ins Auge: Kerze, Steine, Rosen, israelische Flaggen, christliche Symbole. Diese zeugen davon, dass um diesen Ort eine aktive und lebendige Erinnerungskultur stattfindet. Die unterschiedlichen Gruppen, die diesen Ort besuchen, identifizieren sich wahrscheinlich mit bestimmten Narrativen mehr oder weniger und bringen wiederrum selbst eigene Erinnerungen und eigene Narrative mit. Die verschiedenen Vergangenheiten, die an diesem Ort überlappen, werden von Besuchenden im Prozess der Konstruktion einer kollektiven Identität angenommen oder verworfen.

Die Gedenkstätte in Zbylitowska Góra verweist auf eine Form der Erinnerung, die nicht allein durch museale Rahmung oder touristische Infrastrukturen getragen wird, sondern durch soziale Praktiken, konkurrierende Narrative und individuelle Formen des Gedenkens.

Bibliografie

Lehrer, Erica. 2013. Jewish Poland Revisited. Heritage Tourism in Unquiet Places. Bloomington: Indiana University Press.

Łuczaj-Salej, Justyna. 2009. “Archiwum istnień.” 55:03, Vimeo, hochgeladen von Lodz Film School, am 30.1.2018, https://vimeo.com/253365634.

Webber, Jonathan. 2020. Exhibiting Galicia: Problems of Interpretation and Other

Reflections on the Permanent Exhibition at the Galicia Jewish Museum in Kraków.

In: Scripta Judaica Cracoviensia 18: 105-126.

Wierzcholska, Agnieszka. 2022. Nur Erinnerung und Steine sind geblieben. Paderborn: Brill Schöningh.


[1] Zitat aus dem Ausstellungstext, eigene Übersetzung.

[2] Die Zahlen habe ich der Informationstafel bei der Gedenkstätte entnommen.

[3] Dieser Absatz basiert auf meinen Notizen der Führung durch die Ausstellung im Galicia Jewish Museum.

[4] Vgl. Lehrer 2013, 20.

[5] Wierzcholska 2022, 6.

[6] Zahl basiert auf Notizen der Führung durch die Ausstellung im Galicia Jewish Museum.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Lehrer 2013, 20.

[9] Vgl. Notizen zum Vortrag von Prof. Dr. Roma Sendyka.

[10] Vgl. Lehrer 2013, 17.

[11] Die Ausführungen in diesem Abschnitt beruhen, wenn nicht anders signalisiert, auf Wierzcholska 2022, Kapitel 6.

[12] Justyna Łuczaj-Salej 2009, 49:11 – 49:19. 

[13] Wierzcholska 2022, 353.

[14] Dieser Absatz beruht auf meinen Notizen zum Vortrag von Prof. Dr. Roma Sendyka.

[15] Webber 2020, 119.

[16] Übersetzungen durch Deepl.

[17] Webber 2020, 119 – 120.

[18] Dies geschah nach 1989, mir ist jedoch nicht bewusst wann.

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