Header

Suche

Buczyna Wald: Erinnerungen an die Erschießungen und jüdisches Leben in Tarnów (Christine Alf & Sheila Honegger)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (Fernaufnahme)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (mittlere Entfernung)

  • Die Gedenkstätte Buczyna im Wald von Zbylitowska Góra bei Tarnów (Nahaufnahme)

Auf dem Weg von Krakau nach Tarnów legten wir einen Stopp am Denkmal im Buczyna Wald in Zbylitowska Góra ein. Wir möchten ausführlich über diese Erfahrung und diesen Ort berichten, da sie für uns besonders einprägsam waren. Erschießungsorte wie dieser geraten in der westlichen Erinnerungskultur oft in den Hintergrund oder werden gar nicht erst thematisiert. Es ist deshalb umso dringlicher, diesen Orten Beachtung zu schenken und der dort auf brutalste Weise ermordeten Menschen zu gedenken.

In der Stadt Tarnów trafen wir nach der Besichtigung des Buczyna Wald Adam Bartosz, ein in Tarnów lebender Anthropologe und Experte für die Erinnerung an jüdisches Leben und Vor-sitzender des Komitees zum Schutz von Denkmälern jüdischer Kultur in Tarnów. Adam Bartosz und seine Tochter Magdalena Bartosz, die ebenfalls Anthropologin ist, führten uns auf den Spuren jüdischen Lebens mit einem Stadtspaziergang durch Tarnów. Anschließend gab es ein gemeinsames Gespräch, in dem Bartosz und seine Tochter ihr Wissen mit uns teilten.

 

Der Ort Buczyna Forest in Zbylitowska Góra: historischer Hintergrund

Geografisch gehört das Dorf Zbylitowska Góra zu Tarnów und liegt etwa acht Kilometer süd-westlich von Tarnów, sowie 71 Kilometer östlich von der Hauptstadt Krakau entfernt. Das Ge-biet um Tarnów wurde von Nazi-Deutschland mit dem Überfall auf Polen am 7. September 1939 besetzt. Im März 1941 errichteten die Nationalsozialisten in Tarnów ein Ghetto, in dem rund 40.000 Jüdinnen und Juden inhaftiert wurden. Von Juni 1942 bis 1943, im Zuge der "Endlösung", nutzten die Nationalsozialisten den Buczyna Wald als abgelegene Massenhinrichtungsstätte. Durch deutsche Besatzer wurden hier während dieser Zeit etwa 10.000 Menschen ermordet. Unter den Opfern befanden sich Personen jüdischer und polnischer Herkunft, Kin-der, sowie Angehörige der Roma-Nationalität. Die größte Massenerschießung fand um den 11. Juni 1942 statt, bei der 6.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus dem Ghetto Tarnów dem Massaker zum Opfer fielen, darunter 800 Kinder aus einem Waisenhaus.

Obwohl ein Denkmal errichtet und mehrere Massengräber markiert wurden, ist die exakte Lage und Ausdehnung der Gräber ungewiss. Dies liegt unter anderem daran, dass das Judentum das Ausgraben von Gräbern und die Exhumierung von Leichen verbietet, was die nicht-invasive Forschung zur genauen Bestimmung der Opferzahlen und Identifikation der To-ten im Buczyna Wald erschwert bzw. verunmöglicht (Sendyka, 2025).

Gedenken und Erinnern vor Ort

Während der kommunistischen Ära, im Jahr 1948, wurde am Tatort im Buczyna Wald ein Denkmal errichtet (vgl. Bartosz 2012). Es hat die Form eines Obelisken, gekrönt von einer Kerze. An seinen Wänden sind Schwerter geschmiedet und die Inschrift „Ruhm den Opfern des nationalsozialistischen Terrors“ angebracht. Die Schwert-Symbolik deutet auf eine Errichtung während der kommunistischen Ära hin, da das Schwert im Kommunismus als Symbol für Gerechtigkeit und den Sieg über den Faschismus an vielen Denkmälern in der ehemaligen UdSSR angebracht wurde.

Eine wichtige Erkenntnis ist, wie uns Adam Bartosz erzählte, dass in der kommunistischen Erinnerungskultur das jüdische Leid oft nicht explizit gemacht, sondern verallgemeinert wurde, beispielsweise als das Leid polnischer Bürger:innen. Das bedeutet, dass der Antisemitismus und die damit verbundenen Verbrechen während des Nationalsozialismus in dieser Ära nicht umfassend aufgearbeitet wurden. Es ist jedoch essenziell, die jüdischen Opfer als Jüd:innen zu benennen, da die Verbrechen an ihnen auf Antisemitismus beruhten.

Die Inschrift auf dem Denkmal lautet: "Chwala Ofiarum Terroru Hilerowskiego“ und kann als Ehre den Opfern von Hitlers Terror” übersetzt werden. Eine weitere Inschrift besagt: "Wokresie Wielkij Wojny Wlatach 1939-1945 Zamor-Dowali Siepacze Hitlerowscy Na Tym Mie Jscu Okoko 10.000 Obywateli. Czczac Ogrom Meki I Prze-Lanej Niewinnie Krwi Pomordowanych; MIE JSCU OKOKO 10.000; Polska Ludowa Wznioska Ten Pomnik Dla Unaocznienia Przyszkym Pokoleniom; Zbrodni; Popek-Nionych Przez Rezim Hitlerowski Na Ziemiach Polskich.“ Dies bedeutet: Während der Jahre des Großen Krieges von 1939-1945 ermordeten NS-Attentäter an diesem Ort etwa 10.000 Bürger:innen. In Gedenken an das enorme Leid und das vergossene unschuldige Blut der Ermordeten hat das polnische Volk dieses Denkmal errichtet, um zukünftigen Generationen die vom NS-Regime auf polnischem Boden begangenen Verbrechen vor Augen zu führen”.

Am Denkmal vor dem Obelisken haben Besucher:innen viele Grabkerzen aufgestellt und Blu-men abgelegt. Zudem gibt es einen angelegten Weg zu fünf markierten Massengräbern da-hinter im Wald. Die genauen Stellen der Gräber gelten nicht als gesichert – sie dienen vielmehr der Erinnerung und dem Gedenken an die Verstorbenen. Dieser Weg wurde 1998 von der US-amerikanischen Kommission zur Erhaltung des amerikanischen Erbes im Ausland und unter der Aufsicht von Adam Bartosz angelegt. An den Massengräbern stehen ebenfalls viele Grabkerzen, und Steine wurden darauf abgelegt, was eine jüdische Tradition zur Ehrung der Verstorbenen ist. Ein eigenes Massengrab gedenkt speziell den 800 ermordeten Kindern aus dem Waisenhaus.

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs waren zwei der fünf Gräber unter anderem mit israelischen Flaggen und Fotos von Geiseln behängt. Dies verdeutlicht die fortdauernde Relevanz des Erinnerns an diesem Ort und zeigt auch, wie das Gedenken mit anderen Formen von Verfolgung und Gewalt in Verbindung gebracht wird. Eine Praxis, die Ausdruck von politischer Positionierung ist und dementsprechend kontrovers wahrgenommen werden kann.

 

Unsere Erfahrung

Wir besuchten das Denkmal ohne Führung und Begleitung von Expert:innen, sondern erkundeten den Ort eigenständig als Gruppe. Zuvor konnten wir uns etwas darauf vorbereiten, als wir an der Jagiellonian University in Krakau einen Vortrag von Roma Sendyka über sogenannte Non-Memory Sites hörten, wobei Erschießungsorte und damit verbundene Erinnerung und auch Nicht-Erinnerung thematisiert wurden (vgl. Sendyka 2022). Wie eingangs bereits erwähnt, sind Erschießungsorte als Teil des Holocausts wenig präsent in westlicher Erinnerung. Es war beispielsweise kein Teil des Geschichtsunterrichts in der Schule, wobei die Thematisierung von Konzentrations- und Vernichtungslager im Vordergrund stand. Daher war die Erfahrung für uns sehr eindrücklich und regte zum Nachdenken an. Nicht nur ein Nachdenken über die Grausamkeiten, sondern auch darüber, wie in der Gesellschaft erinnert und aufgearbeitet wird und welche Formen des Erinnerns schlußendlich wissenschaftlich wahrgenommen und untersucht werden.

Besonders war auch, dass das Lernen an diesem Ort nicht nur eine geistige, sondern auch eine körperliche Erfahrung war. Das bewusste Gehen durch diesen, ja eigentlich schönen, sonnendurchfluteten Wald und auf demselben Boden, auf dem die Ermordeten Menschen ihre letzten Schritte gingen, erzeugte eine intensive physische Präsenz der Geschichte. Die Stille, die zu diesem Zeitpunkt an diesem abgeschiedenen Ort herrschte, löste bei uns eine körperliche Beklemmung und eine Schwere aus, wenn wir an die furchtbaren Erschießungen dachten. Dieses Gefühl ging über ein intellektuelles Verstehen hinaus. Vor Ort führten wir viele Gespräche in der Gruppe, auch in kleineren Konstellationen und zu zweit. Diese Gespräche entstanden oft leise und tastend, während wir gemeinsam durch den Wald gingen oder vor dem Denkmal innehielten. Diese Art des Austausches half uns, wie oft auf dieser Exkursion, die überwältigenden und schweren Eindrücke zu sortieren und gemeinsam zu verarbeiten.

Erschießungspraktiken im Osten Europas: Der Holocaust durch Kugeln”

Der Begriff "Holocaust durch Kugeln" beschreibt die systematische Ermordung von Menschen, hauptsächlich Jüd:innen, durch Massenerschießungen (vgl. Desbois 2008). Diese brutale Tötungsmethode wurde während des gesamten Holocausts in Osteuropa angewandt, unabhängig von der Opferzahl.

Tausende dieser Hinrichtungen ereigneten sich in sieben sowjetischen Republiken, in Russland, Ukraine, Belarus, Moldau, Estland, Litauen und Lettland. Auch in Polen fanden diese Massenerschießungen statt, was überraschenderweise in vielen historischen Darstellungen unerwähnt bleibt. Die Erschießungen wurden häufig am hellichten Tag am Rande von Städten durchgeführt. Dabei wurden die Täter, oft Einheimische, gezwungen, Gräber auszuheben, zu füllen oder die Leichen der Opfer zu transportieren. Die Täter setzten sich aus verschiedenen deutschen Einheiten zusammen, darunter insbesondere die Einsatzgruppen, die mindestens 500.000 Jüd:innen ermordeten. Aber auch Einheiten der Waffen-SS, Reservebataillone der Ordnungspolizei, der Feldgendarmerie und der Geheimen Feldpolizei, sowie lokale Milizen und Verbündete, wie die rumänische Armee, waren an diesen brutalen Verbrechen beteiligt. Auf der folgenden Karte sind 3184 Erschießungsorte aufgezeichnet, welche von Yahad IN UNUM (YIU) dokumentiert wurden (vgl. Yahad – In Unum (o. J.))

 

Fazit: Bedeutung der Erinnerung für die Gegenwart

Der Besuch des Buczyna Wald stellte einen eindrücklichen Bestandteil unserer Exkursion zum jüdischen Leben in und um Krakau dar. Er verdeutlichte uns, wie wichtig es ist, die Erinnerung an die vergessenen Verbrechen des Nationalsozialismus wachzuhalten, insbesondere auch an Orten der Massenerschießungen, die oft weniger Beachtung finden. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und den unterschiedlichen Formen des Gedenkens, sowohl in der kommunistischen Ära als auch heute, hat unser Verständnis der komplexen Erinnerungskultur Polens und der Bedeutung des expliziten Gedenkens an jüdische Opfer vertieft. Die Begegnung mit Adam Bartosz zeigte uns zudem, wie wichtig das lokale Engagement für den Erhalt dieser Gedenkstätten und die Vermittlung ihrer Geschichte ist. Oftmals ist es nämlich der Einsatz lokaler Aktuer:innen, wie das Beispiel der Gedenkstätte im Buczyna Wald und die Ge-schichte des jüdischen Lebens in der Stadt Tarnów, welche eine wichtige Grundlage für das Erinnern und für Bildungsarbeit darstellen. Der Buczyna Wald bleibt ein Mahnmal, das uns daran erinnert, die Gräueltaten der Vergangenheit nicht zu vergessen und uns drängt, aktiv für eine Zukunft ohne Antisemitismus und Diskriminierung einzusetzen.

 

Quellen

Bartosz, A. (2012). Żydowskim szlakiem po Tarnowie. https://zydziwmalopolsce.pl (Abgerufen am 26. Oktober 2025)

Desbois, P. (2008). The Holocaust by bullets: A priests journey to uncover the truth behind the murder of 1.5 million Jews. Palgrave Macmillan.

Sendyka, R. (2022). Non-memory: Remembering beyond the discursive and the symbolic. Me-mory Studies, 15(3), 523–538. https://doi.org/10.1177/17506980221085528

Sendyka, R. (2025, 4. April). Memorial Practices [Vortrag]. Jagiellonen-Universität, Krakau, Polen.

Yahad – In Unum (o. J.). Yahad - In Unum: Organisation zur Dokumentation von Erschie-ßungsorten. https://www.yahadinunum.org/ (aufgerufen am 12. Juni 2025)

Unterseiten