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Exkursion: Erinnerung an jüdisches Leben rund um Krakau, Polen FS25

Im Frühjahrssemester 2025 bot das ISEK Empirischen Kulturwissenschaften in Zusammenarbeit mit dem Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck die einwöchige Exkursion Erinnerung an jüdisches Leben rund um Krakau für Masterstudierende der beiden Institute an. Im Rahmen der Exkursion besuchten die Studierenden die Erinnerungsorte und Gedenkstätten in Kraków, Oświęcim und Tarnów. Mithilfe von Lektüre und dem Austausch mit Expert:innen vertieften sie ihr Wissen über die Geschichte des jüdischen Lebens in diesen drei polnischen Städten und setzten sich mit den Verbrechen an diesen Orten auseinander. Zudem gingen sie den Fragen nach, wie heute an die Verbrechen und das jüdische Leben davor erinnert und was dabei aktiv oder passiv vergessen wird, welche Versuche der Rekonstruktion es gibt und welche erkenntnistheoretischen, politischen und ethnischen Grenzen solche Rekonstruktionen aufweisen. Die Herausforderung der Exkursion lag darin, diese drei Ebenen zu denken und im eigenen Vorwissen zu verorten und (Familien-)Biografie zu reflektieren. Ein intensiver Austausch mit polnischen Wissenschaftler:innen, Menschenrechtler:innen sowie Studierenden und Schüler:innen half den Teilnehmenden, eine neue Perspektive zu gewinnen und die Gleichzeitigkeiten beim Umgang mit der Schoah im gegenwärtigen Polen wahrzunehmen. 

Ein Schwerpunkt der Exkursion lag auf der Geschichte der Orte und Praktiken des jüdischen Lebens sowie der damit verbundenen systematischen Ausgrenzung und Verfolgung bis zum Versuch der vollständigen Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden. Außerdem lernten wir in der Exkursion die gegenwärtige polnische Perspektive auf jüdische Präsenz und Schoah kennen. Wir arbeiteten mit lokalen Akteur:innen zusammen, die die Geschichte des jüdischen Lebens rekonstruieren, Verbrechen und an die Opfer dieser Verbrechen erinnern. Zusammen mit den polnischen Aktivist:innen fragten wir nach dem Alltag jüdischer Menschen zur NS-Zeit und dem Leben unter Bedingungen extremer Gewalt und Verfolgung. Darüber hinaus analysierten wir verschiedene Strategien, die darauf abzielen, die Nachwirkungen der Schoah auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene sichtbar zu machen und darüber zu reflektieren.

 

11.04.2025

Ausgangspunkt der Exkursion war die Ausstellung "Der kalte Blick": Letzte Bilder jüdischer Familien aus dem Ghetto von Tarnów, die eine Fotosammlung in den Mittelpunkt stellt. Die Bilder wurden 1942 im Ghetto von Tarnów von den österreichisch-deutschen Anthropologinnen Dora Maria Kahlich und Elfriede Fliethmann im Rahmen einer „rassenkundlichen Studie” aufgenommen. Das unter der Aufsicht nationalsozialistischer Institutionen in Kraków und Wien durchgeführte Projekt umfasste Fotografien und Fragebögen von 106 jüdischen Familien mit insgesamt 565 Männern, Frauen und Kindern. Von allen auf den Bildern aufgenommenen Personen und deren Familien fanden sich Spuren von nur 41 Überlebenden. Diese erschreckende Statistik ist keine Besonderheit des Ghettos von Tarnów, doch durch die Materialien – ursprünglich als wissenschaftliche Daten produziert und später in Archiven verteilt – erscheinen das Ausmaß und die Relationen des Mordes an jüdischen Menschen sehr konkret.

Die Bilder und Fragebögen zeugen außerdem von der tiefen Verflechtung anthropologischer Praxis mit der Ideologie und Gewalt des Nationalsozialismus. Die von Margit Berner kuratierte Ausstellung Der kalte Blick, die erstmals 2020 im Naturhistorischen Museum Wien und kurz darauf in der Gedenkstätte Topographie des Terrors in Berlin gezeigt wurde, kontextualisiert Fotografien neu. Dabei transformieren sie von ihrem Charakter als Forschungsartefakte zu Zeugnissen der Geschichte der Verbrechen. Die Ausstellung macht sichtbar, wie die Kamera zugleich als wissenschaftliches und normierendes Instrument fungierte. Sie stellt auch die Frage, wie solche Bilder heute ausgestellt (und betrachtet) werden können, ohne die Gewalt des „kalten Blicks“ zu reproduzieren, welcher der rassistischen und antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus einst intellektuelle Form verschaffte. Mithilfe der Vermittlung vonseiten der lokalen Aktivist:innen gelangte die deutsch-österreichische Ausstellung im Jahr 2023 nach Tarnów und wurde in der Kunstgalerie BWA: Biuro Wystaw Artystycznych w Tarnowie gezeigt, wodurch sie zu einem Teil der Reflexion über die Stadtgeschichte (nicht zuletzt durch die Schulklassenführungen) wurde. 

Die Auseinandersetzung mit diesen Fotografien erfordert eine kritische Befragung des ethnografischen Blicks selbst, also der historischen Verstrickung der Anthropologie in ein System rassischer Klassifizierung, Gewalt und deren Legitimierung. Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Verantwortung aus der Perspektive der Gegenwart übernommen werden kann und welche Form der Kritik diese Bilder von der gegenwärtigen Anthropologie erfordern. In diesem Sinne fungiert die Ausstellung als Beispiel für das, was Erica Lehrer als „unquiet places“ bezeichnet, also Orte, an denen Erinnerung fortwährend zwischen Abwesenheit und Präsenz, Verlust und Trauer neu verhandelt wird. Um die Logiken und Formen der Auseinandersetzung im Kontext der Ausstellung besser zu verstehen, trafen wir vor der Reise die Kuratorin Margit Berner, um die Ausstellung und ihre Inhalte zu diskutieren. Vor Ort in Tarnów kamen die Studierenden zudem mit Mitarbeitenden der BWA-Galerie sowie mit einer Gruppe von Schüler:innen zusammen, die die Ausstellung während ihrer Laufzeit besucht hatten. Besonders aufschlussreich war eine Diskussion über die Ausstellung mit den lokalen Aktivist:innen vom Komitet Opieki nad Zabytkami Kultury Żydowskiej w Tarnowie (Komitee für die Erhaltung des jüdischen Kulturerbes in Tarnów), die sich für die Sichtbarkeit einst jüdischer Orte in Tarnów sowie die Aufklärung der Verbrechen gegen Jüd:innen einsetzen. Zentrale Figuren dieser Aktivität sind die Anthropolog:innen Adam und Magda Bartosz. Uns bot sich die Gelegenheit, gemeinsam mit ihnen die Wege der Auseinandersetzung mit dem Erbe des Anthropologie-Fachs kennenzulernen und zu reflektieren. 

Wie die unten aufgeführten studentischen Berichte zeigen, ermöglichten diese unterschiedlichen Begegnungen einen länder-, generationen- und institutionsübergreifenden Dialog über die Frage, wie an Gewalt erinnert und im heutigen historischen Kontext interpretiert werden kann.

Die etwa achtzig Kilometer östlich von Kraków gelegene Stadt Tarnów war einst ein lebendiges Zentrum des ostgalizischen Judentums. Vor dem Zweiten Weltkrieg war nahezu die Hälfte ihrer Einwohner:innen jüdisch. Ihre Schulen, Vereine und Synagogen prägten das Alltagsleben der Stadt. Wie die Historikerin Agnieszka Wierzcholska festhält, ist Tarnów heute ein Palimpsest überlagerter Zeitlichkeiten – eine Stadt, in der Gebäude und Straßen überdauert haben, nicht aber die Menschen, die sie einst belebten, und in der Erinnerung in materiellen Spuren fortbestehen wie Schatten einer ausgelöschten Welt. Durch Tarnów zu gehen, bedeutet daher, sich in einem vielschichtigen urbanen Gefüge zu bewegen, in dem jüdische und nichtjüdische Geschichten eng miteinander verwoben sind.

Der Titel von Wierzchowskas Studie "Nur Erinnerungen und Steine" sind geblieben, der sowohl für die Teilnehmenden der Exkursion als auch für die städtische Auseinandersetzung mit der Geschichte eine wichtige Rolle spielt, bringt diese Dynamik auf den Punkt: Er verweist zugleich auf die materiellen Überreste jüdischer Präsenz – Grabsteine, Ruinen, Spuren im Stadtbild – und auf die selektiven Erinnerungen, die Jahrzehnte nach dem Krieg unter den Bewohner:innen zirkulieren. Wierzchowska versteht diese Relikte als aktive Orte der Aushandlung, an denen sich Erinnerung, Vergessen und Verleugnung treffen. Eine Stadt wie Tarnów könnte somit wie eine Linse wirken, durch die sichtbar wird, wie die polnische (und nicht nur polnische) Nachkriegsgesellschaft mit der verschwundenen jüdischen Welt umgeht – oder wie sie es versäumt hat, sich mit ihr auseinanderzusetzen, obwohl sie einst ein integraler Bestandteil ihrer eigenen Identität war.

 

10.04.2025

Ein zentraler Ort der Erinnerung an die Ermordung der Jüd:innen von Tarnów ist das Gelände Zbylitowska Góra im Wald nahe der Stadt. Dies ist einer der Orte, an denen während des Holocaust Massenerschießungen stattfanden. Heute erinnern dort mehrere Denkmäler und Erinnerungspraktiken aus unterschiedlichen Zeiten auf jeweils eigene Weise an diese Verbrechen. Die Auseinandersetzung mit diesem Gedenkort sowie den historischen Bedingungen, unter denen die Morde stattfanden, wurde durch einen Vortrag der Anthropologin Roma Sendyka von der Jagiellonen-Universität ermöglicht und wissenschaftlich begleitet. In ihrem Vortrag führte Sendyka das von ihr entwickelte Konzept der „non-memory” ein. Dieses bezieht sich auf die unwillkürliche, verkörperte oder umweltliche Präsenz von durch Gewalt geprägten Vergangenheiten. Zudem diskutierte sie den von Patrick Desbois geprägten Begriff Holocaust by Bullets, der die Massenerschießungen in Feldern, Wäldern und an Dorfrändern bezeichnet. Diese fanden oft in unmittelbarer Nähe zu den Wohnorten der Opfer statt und erfuhren über Jahrzehnte hinweg deutlich weniger Beachtung als die Ermordung der westeuropäischen Jüd:innen in den Vernichtungslagern. Die systematische Erforschung und Analyse dieser Verbrechen stehen auch heute noch am Anfang.

Nach dem Vortrag von Roma Sendyka traten die Studierenden aus der Schweiz und Österreich in einen intensiven Austausch mit Masterstudierenden des Instituts für Anthropologie, Literatur- und Kulturwissenschaften der Jagiellonen-Universität. Diese Auseinandersetzung wurde durch eine moderierte Diskussion und eine Führung durch das ehemalige jüdische Viertel von Tarnów vertieft. Die Führung wurde von den lokalen Aktivist:innen Adam und Magda Bartosz geleitet. Es wurde deutlich, wie Tarnów zu dem wird, was Wierzchowska als „Interaktionsraum“ bezeichnet – ein Ort, an dem Erinnerung relational entsteht, im Zusammenspiel von Menschen, Institutionen und materiellen Umgebungen.

 

09.04.2025

Die unbegreifliche Dimension des auf Vernichtung abzielenden Antisemitismus war während unseres Besuchs der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau, den wir einen Tag vor unserer Reise nach Tarnów unternahmen, noch stärker das Thema. Bei einer vom Museum moderierten und begleiteten Führung erfuhren die Studierenden, wie das Lager und die Vernichtung organisiert waren, wie die Funktionen und Klassifizierungen im System verteilt wurden und welche Zeugnisse und Reflexionen die Überlebenden hinterlassen haben. Zur Vorbereitung lasen die Studierenden ein solches Zeugnis aus Primo Levis Buch „Ist das ein Mensch?”, einen Text über das Überleben in Auschwitz-Birkenau, der präzise Beobachtungen des Lageralltags enthält und die Mechanismen offenlegt, die Entmenschlichung möglich machten, sowie eine tiefe Reflexion über die Bedingungen moralischen und ethischen Handelns bietet.

Nina Rabuzas untersucht diesen Widerspruch am Beispiel Dachau und analysiert in ihrem Buch „Verräumlichte Erinnerung” das dialektische Verhältnis von Gedenkstätten der NS-Verbrechen. Solche Orte wie Auschwitz oder Dachau zeigen die Grenzen der Aufklärungsarbeit in Gedenkstätten auf. Gleichzeitig konfrontiert sie die Besucher:innen mit der Notwendigkeit dieser Institutionen, selbst wenn deren zentrales Ziel zum Scheitern verurteilt wäre.

Nach der Führung besuchten wir die Fundacja Edukacyjne Centrum Żydowskie w Oświęcimiu (Auschwitz Jewish Center Foundation) in der Stadt Oświęcim, also den geografischen Ort, wenn wir der Unterscheidung von Nina Rabuza und dem Zentrum folgen. Das Zentrum umfasst ein Museum zur Geschichte des jüdischen Lebens in der Stadt sowie die einzige erhaltene Synagoge, die beide von der Stiftung verwaltet werden. Der Besuch führte die Studierenden in die jüdische Gemeinde der Stadt vor dem Krieg ein und verdeutlichte zugleich die Transformation des Ortes durch Besatzung und Vernichtung. Ein Schwerpunkt der Arbeit des Zentrums liegt neben dem jüdischen Leben vor der Schoah in der Nachkriegserinnerungsarbeit vor Ort.

 

08.04.2025

Am ersten Tag der Reise, die hier in umgekehrter Chronologie wiedergegeben wird, gestalteten die Studierenden eine Stadtführung zu zentralen Orten jüdischer Geschichte und Erinnerung in Kraków, die sie im Vorfeld vorbereitet hatten. Die Führung umfasste das Viertel Kazimierz mit seiner heute andauernden Gentrifizierung, das Gebiet des ehemaligen Ghettos sowie Besichtigungen der Friedhöfe und Synagogen der Stadt. Am selben Tag besuchte die Gruppe das Galicia Jewish Museum, wo eine Führung durch eine fotografische Ausstellung, welche die Abwesenheiten und Spuren jüdischen Lebens in der Region dokumentiert, organisiert wurde. Die Fotografien und begleitenden Texte zeigten, wie Verlust und Erinnerung durch Landschaft, Architektur und die alltäglichen Lebensräume sichtbar werden. Diese Aktivitäten führten zu Diskussionen darüber, wie Erinnerung räumlich und visuell konstruiert wird, wie sie sich mit gegenwärtigen städtischen und ökonomischen Transformationsprozessen verschränkt und wie Praktiken des Gedenkens sowohl historische Abwesenheit als auch die Dynamiken der Gegenwart thematisieren können. Zugleich traten die didaktischen und erzieherischen Dimensionen der Auseinandersetzung mit Erinnerungsorten hervor: Was bedeutet es, aus der Vergangenheit zu lernen, und wie vermittelt man die Geschichte des einst blühenden jüdischen Lebens und der darauffolgenden Gewalt?

Wir danken dem UZH Alumni Fonds sowie dem ISEK Empirischen Kulturwissenschaften und dem Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck für ihre großzügige Unterstützung, durch die dieser Kurs und die Exkursion ermöglicht wurden. Unser besonderer Dank gilt zudem unseren Kolleg:innen und Gesprächspartner:innen in Polen, die uns während der Reise großzügig unterstützten und ihre wertvolle Arbeit mit uns teilten. Wir danken Margit Berner, Roma Sendyka und ihren Studierenden an der Jagiellonen-Universität, Maciek Zabierowski und dem gesamten Team der Fundacja Edukacyjne Centrum Żydowskie w Oświęcimiu, Katarzyna Suszkiewicz vom Galicia Jewish Museum, Adam und Magda Bartosz vom Komitee für die Erhaltung des jüdischen Kulturerbes in Tarnów sowie Aleksandra Kubisztal und Ewa Łączyńska-Widz von der Biuro Wystaw Artystycznych (BWA) – Galeria Miejska. Ebenso danken wir den teilnehmenden Schüler:innen aus Tarnów sowie den Studierenden aus Zürich und Innsbruck, deren Vorbereitung, Initiative und engagierte Auseinandersetzung die intellektuelle und kollaborative Tiefe dieses Projekts maßgeblich geprägt haben.

Es folgen Berichte, in denen die Studierenden sowohl individuell als auch in kleinen Gruppen ihre Perspektiven auf die besuchten Orte, die aufgeworfenen Fragen und die dort erfahrenen Erinnerungspraktiken reflektieren. Zusammengenommen sollen diese Reflexionen unsere Untersuchung in die Zukunft führen, indem sie dazu einladen, sich auch über die Reise hinaus mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die Erinnerung an das jüdische Leben, an Gewalt und Überleben in und um Kraków auch heute gelesen, dargestellt und zwischen Generationen, Disziplinen und Institutionen neu verhandelt wird.

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