«Was darf man heute noch tragen?»[1], «Darf man noch zum Yoga, ohne rot zu werden?»[2] und «Alles nur geklaut»[3] – Schlagzeilen wie diese sind seit dem Sommer 2022 keine Seltenheit in Schweizer Medien. Ausgelöst durch einen aufsehenerregenden Konzertabbruch in Bern[4], fand die Thematik der kulturellen Aneignung ihren Weg in die Schweizer Öffentlichkeit. Bezeichnend für den medial geführten Diskurs ist dessen erhitzte Tonalität sowie sein politisierender und polarisierender Charakter: Jede:r scheint nun eine Meinung zum Thema ‘kulturelle Aneignung’ zu haben. Gleichzeitig ist ‘kulturelle Aneignung’ – zumindest im Sinne eines kulturellen ‘Transfers’ – ein klassisches Thema der Sozial- und Kulturanthropologie. Ausgehend von diesem Kontext, beschäftigen wir uns in diesem Comment mit der Frage: Welchen Beitrag können Sozial- und Kulturwissenschaften zu einer solchen öffentlichen Debatte leisten?
In einer Podiumsdiskussion von Zethno zum Thema ‘Kulturelle Aneignung: Wissenschaft und Öffentlichkeit’ im Debattierhaus Karl*a der*die Grosse im Dezember 2023, haben drei Sozial- und Kulturwissenschaftler:innen das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven aufgegriffen und beleuchtet: Der Sozialanthropologe Dr. Rohit Jain und die Kulturwissenschaftlerin Dr. Jelica Popović nahmen am Podiumsgespräch teil; Prof. Dr. Moritz Ege, Professor für Populäre Kulturen an der Universität Zürich, moderierte.
Eine breite Öffentlichkeit ist in der Schweiz durch den oben erwähnten medialen Diskurs überhaupt erst mit der Thematik der kulturellen Aneignung in Berührung gekommen. Besonders prominent diskutiert wird dabei die Frage «Was darf ich denn jetzt noch?». Empörte Reaktionen auf diese Frage aus der weissen Dominanzgesellschaft lassen sich laut Rohit Jain in eine breitere Anti-Political-Correctness Bewegung einordnen, in der sich privilegierte Stimmen als Opfer darstellen, ihr Verhalten rechtfertigen und sich gegenseitig mit Selbstmitleid begegnen (s. auch Balzer 2022). Demgegenüber stehen Analysen ausbeuterischer gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Forderungen nach Anerkennung. Diese gegensätzlichen Positionen sind im medialen Diskurs um kulturelle Aneignung besonders deutlich erkennbar. In dieser polarisierenden und polarisierten öffentlichen Debatte kommt den empirischen Kultur- und Sozialwissenschaften gemäss Jain eine wichtige Rolle zu: Sie können einen Beitrag zu einem nuancierteren Verständnis der Thematik leisten, indem sie die Komplexität der Zusammenhänge aufzeigen und so auch der einhergehenden Polarisierung entgegenwirken. Als Student:innen der Sozial- und Kulturanthropologie sind wir an diesen Nuancen besonders interessiert.
Rohit Jain setzt sich in seiner Arbeit mit Themen der Migration und der (post-)kolonialen Amnesie der Schweiz auseinander. Er nimmt Phänomene der Globalisierung in den Blick und analysiert diese entlang gesellschaftlicher Faktoren wie Gender und Klasse. Die Thematik der kulturellen Aneignung findet insbesondere durch die schweizerische Kommerzialisierung von Symbolen, Objekten und Praktiken südasiatischer Kulturen Eingang in seine akademische und gesellschaftspolitische Arbeit. Als Beispiel nannte er die Karma-Linie des schweizerischen Supermarkts Coop, welche sich im Design der Produktlinie an Symbolen des indischen Subkontinents bedient und im Marketing bewusst mit exotisierenden Assoziationen spielt.
Werden solche Prozesse der Kommerzialisierung von Kulturgütern im Kontext der Globalisierung betrachtet, lässt sich gemäss Jain von «multi-facettierter Kommerzialisierung» sprechen: Einerseits bietet diese Gelegenheiten für eine öffentliche Selbstrepräsentation marginalisierter Gruppen und für deren emanzipatorisches Unternehmer:innentum. Andererseits werden solche Kommerzialisierungen von der Dominanzgesellschaft regelmässig zur Steigerung ihres eigenen monetären Profits genutzt. Ein ähnliches Phänomen beobachtet Jelica Popović auch mit Produkten aus dem sogenannten „Balkan“: Grosse Detailhändler führen ein Regal mit Produkten aus der Region, obwohl ansonsten alles, was mit „Balkan“ zu tun hat, als minderwertig oder defizitär gesehen wird (vgl. Todorova 2009). Problematisch ist die Aneignung durch Kommerzialisierung insbesondere dann, wenn marginalisierten Gruppen nicht nur eine Beteiligung an den monetären Profiten vorenthalten wird, sondern auch ein Mitspracherecht an der Inszenierung und Kontextualisierung der kommerzialisierten ‘Objekte’ und Praktiken. Oftmals mündet dies in einer Exotisierung und einer Fetischisierung eben dieser Güter. In Fällen, in denen die Dominanzgesellschaft sowohl den grössten monetären Profit als auch die Deutungshoheit übernimmt, werden gesellschaftliche Machtasymmetrien reproduziert und perpetuiert. Jains wissenschaftliche Arbeit findet an dieser Schnittstelle von Ausbeutung und Emanzipation statt. Er zeigt auf, dass diese Schnittstelle im schweizerischen Kontext insbesondere durch einen Fokus auf Stereotypisierungen und konsumierbare Formen von Differenz bespielt wird. Die Möglichkeit auf eine vollumfängliche politische Teilhabe – und damit die Möglichkeit auf eine Aufweichung der herrschenden Machtstrukturen – wird hingegen vernachlässigt.[5]
Die Themen (Post-)Migration und Selbstermächtigung marginalisierter Gruppen durch die Kommerzialisierung von Kulturgütern finden sich auch in Jelica Popovićs Forschung. Popović befasst sich mit (post-)migrantischen Erfahrungen, post-jugoslawischem Rap und dem Balkandiskurs, wobei ihr Fokus auf Aneignung als einer Form des Empowerments liegt. Die Rapper:innen, mit denen sich Popović auseinandersetzt, orientieren sich stark an der afro-amerikanischen Hiphop-Kultur und eignen sich somit nebst künstlerischen Ausdrucksformen auch ein emanzipatorisches Narrativ an. Rap sei über die Jahrzehnte zum weltweiten künstlerischen Medium marginalisierter Personen geworden. So haben die Rapper:innen in ihrer Analyse die Kunstform unter anderem genutzt, um Gewalterlebnisse und Diskriminierung zu verarbeiten und sich durch die Verwendung des Balkanbegriffs miteinander zu solidarisieren. Ferner haben sie sich den negativ konnotierten Balkanbegriff und westeuropäisch geprägten Balkandiskurs wiederangeeignet und resignifiziert.
In ihrer Dissertation argumentierte die Kulturwissenschaftlerin, dass das «‘Un-Ort-Dasein’ des ‘Balkans’ ihn für den Rap gerade fruchtbar und authentisch [mache]» (Popović 2021, 419), da dieser Status mit den US-amerikanischen Ghettos vergleichbar sei. Der daraus folgende post-jugoslawische Identitätsentwurf ist zudem einer, der sich auf verschiedenen räumlichen Ebenen befindet. Durch die Aneignung des bisher negativ konnotierten Balkanbegriffs fand eine positive Umdeutung statt: Heute wird mit dem Balkan durchaus auch angegeben. Geht es um (post-)migrantischen Rap, bei dem sich MCs mit post-jugoslawischem Bezug äussern, so kreieren die damit zusammenhängenden (post-)migrantischen Erfahrungen eine weitere Komplexität, in der sich in der Schweiz wohnhafte Personen mit jugoslawischem Migrationsvordergrund durch Rap als Ausdrucksweise von marginalisierten Menschen repräsentiert fühlen. So sei Rap in Europa stark durch Menschen mit Migrationserlebnissen geprägt. Die Ursprungsanerkennung der Kunstform ist laut Popović ein wichtiger Bestandteil, der auf gegenseitiger Kontrolle bestünde: Rapper:innen bauen musikalische Fragmente anderer in ihre Werke ein und arbeiten mit Referenzen. Dies lässt sich auch im post-jugoslawischen Rap erkennen. Deren Repräsentant:innen verwenden musikalische Versatzstücke aus dem afro-amerikanischen Rap als Hommage an ihre jeweiligen Idole und Vorläufer:innen in den USA. Dieses Zitate-Spiel gilt als ausschlaggebend, um das Talent der Rapper:innen zu beurteilen, so Popović. Nur wer dieses Spiel beherrscht, gilt als real. Um Realness zu erlangen, ist demnach eine fundierte Kenntnis und eine respektvolle Würdigung der Rap-Kultur vonnöten, die über eine rein kommerzielle Form der Aneignung hinaus geht. Aufgrund der Zentralität des Realness-Konzepts sieht Popović das Beispiel des post-jugoslawischen Raps als eine nicht-ausbeuterische Form der kulturellen Aneignung.
Diese zwei Beispiele – eines von ausbeuterischer, eines von emanzipatorischer Aneignung – zeigen auf, dass der mediale Fokus auf die Frage «Was darf ich noch?» auf Kosten einer tieferen Auseinandersetzung mit der Thematik geht. In unserer Kritik an dieser Debatte geht es uns keinesfalls darum, die Wichtigkeit der Frage nach Verantwortung und Positionalität auszublenden. In einer Sendung der Sternstunde Philosophie nennt die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal diese Frage als produktiven Aspekt des herrschenden medialen Diskurses: In Debatten um kulturelle Aneignung kommen auch privilegierte Angehörige der weissen Dominanzgesellschaft nicht umhin, ihre eigene gesellschaftliche Positionalität wahrzunehmen und – so die Hoffnung – dazuzulernen. Sanyal merkt an, dass ein solcher Prozess für ein Individuum durchaus erschütternd sein kann. Gerade da sieht sie das Potential: «Durch die Debatte entsteht Erschütterung und stabile Systeme lassen sich nur durch Erschütterung destabilisieren.»[6]
Welche Rolle kommt dabei nun den Sozial- und Kulturwissenschaften zu? In einem Artikel der Schweizerischen Zeitschrift für Sozial- und Kulturanthropologie (2022) sprechen sich mehrere Sozial- und Kulturanthropolog:innen für eine stärkere öffentliche Präsenz der Disziplin in der Schweiz aus (Larsen et al. 2022). Indem Sozial- und Kulturanthropolog:innen eine aufklärende Aufgabe übernehmen, eröffnen sich neue Möglichkeiten für ein engagiertes und reflektiertes Nachdenken und Handeln (ebd.). Der Schritt an die Öffentlichkeit ermöglicht es der Disziplin zudem, ihre Position als relevante Stimme in gesellschaftspolitischen Debatten zu festigen und Diskurse ausserhalb des akademischen Kreises zu initiieren (ebd.). So betonte Jain in der Podiumsdiskussion ebenfalls die Notwendigkeit, dass diese Diskussionen auch auf nicht-akademischer Ebene geführt werden müssen. Dabei liegt die Herausforderung darin, auf zugängliche Art und Weise zur Debatte beizutragen, ohne dabei die Komplexität des Themas zu vernachlässigen. Im besten Fall kann ein solcher Austausch von den eingangs genannten Fragen wegführen und hin zu einer echten Auseinandersetzung, die dazu beiträgt, herrschende ausbeuterische Systeme zu erschüttern.
ZETHNO, der Ethnologische Verein Zürich, beleuchtet gesellschaftliche Zusammenhänge und bringt Wissen aus der Sozial- und Kulturanthropologie in einen Dialog mit der Öffentlichkeit. Informationen zu kommenden Veranstaltungen sind hier zu finden.
Offenlegung von Interessenbindungen: Amir Mommartz und Lynn Kohli studieren beide an der Universität Zürich am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft. Lynn Kohli ist Mitglied bei Zethno, Amir Mommartz hat keine direkten Verbindungen zum Verein.
Bibliographie
Balzer, Jens. 2022. Ethik der Appropriation. Berlin: Matthes & Seitz.
Coop Genossenschaft 2024. «Eat happy with Karma.» Zugriff am 08.03.2024. https://www.coop.ch/en/food/specific-diets/karma/karma.html
Goebel, Anne. Tagesanzeiger. 2023. «Kulturelle Aneignung in der Mode: Was darf man heute noch tragen?» Zugriff am 05.03.2024. https://www.tagesanzeiger.ch/kulturelle-aneignung-in-der-mode-was-darf-man-heute-noch-tragen-369871009005
Hehli, Simon. Neue Zürcher Zeitung. 2015. «’Kennen Sie Pizza?’ Vor über 60 Jahren buk erstmals ein Pizzaiolo in Zürich echte Pizza im Holzofen. Bis italienische Küche allgegenwärtig wurde, verstrich aber noch viel Zeit. Ein Blick zurück.» Zugriff am 06.06.2024. https://www.nzz.ch/schweiz/kennen-sie-pizza-ld.935187
Larsen, Peter, Doris Bacalzo, Patrick Naef, Eda Elif Tibet, Leïla Baracchini & Susie Riva. "Repositioning engaged anthropology." Tsantsa 27 (2022): 4-15.
MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH. 2024. «Jens Balzer. Ethik der Appropriation.» Zugriff am 06.06.2024. https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/ethik-der-appropriation.html
Popović, Jelica. 2021. "Ovaj Balkan je ljudi stvoren za rep" – "Dieser Balkan, Leute, ist für den Rap gemacht". Balkanbegriff und Balkandiskurs zwischen Aneignung und strategischer Resignifizierung im postjugoslawischen Rap. Dissertation, Universität Zürich.
Radio SRF 1 Treffpunkt. 2022. «Was bleibt von der Debatte um kulturelle Aneignung?». Gespräch von Vera Rüchi mit Rohit Jain (02.12.2022). Zugriff am 26.02.2025. https://www.srf.ch/radio-srf-1/dreadlocks-reggae-winnetou-was-bleibt-von-der-debatte-um-kulturelle-aneignung
Sauvageot, Philine. Südwestrundfunk. 2023. «Alles nur geklaut: Wie problematisch ist kulturelle Aneignung in der Musik?» Zugriff am 05.03.2024. https://www.swr.de/swr2/programm/alles-nur-geklaut-wie-problematisch-ist-kulturelle-aneignung-in-der-musik-100.html
Schulthess, Christine. SRF. 2023. «Weltyogatag – Kulturelle Aneignung: Darf man noch zum Yoga, ohne rot zu werden?» Zugriff am 05.03.2024. https://www.srf.ch/kultur/gesellschaft-religion/weltyogatag-kulturelle-aneignung-darf-man-noch-zum-yoga-ohne-rot-zu-werden
Sozialgeschichte.ch. «Arbeitsmigration nach 1945.» Zugriff am 06.06.2024. https://www.sozialgeschichte.ch/themen/arbeitsmigration-nach-1945/
SRF Kultur Sternstunde Philosophie. «Kulturelle Aneignung: Verzerrung oder reale Gefahr?» 2022. YouTube, 1:00:16, hochgeladen von SRF Kultur Sternstunden(17.10.2022). Zugriff am 26.02.2025. https://youtu.be/yOPOZR93MkI?si=VL025B_YmUi-uR7G
Surber Kaspar. WOZ Die Wochenzeitung. 2022. «Konzertabbruch in Bern: Zuhören als Provokation.» Zugriff am 06.06.2024. https://www.woz.ch/2231/konzertabbruch-in-bern/zuhoeren-als-provokation
Todorova, Maria. 2009. Imagining the Balkans. Oxford: Oxford University Press.
Zethno Ethnologischer Verein Zürich. 2024. «About.» Zugriff am 08.03.2024. https://evzh.ch/about/aktive/
Weiterführende Literatur
Baird, Andrew F., J. Micah Roos and J. Scott Carter. 2022. «Race and Resentment. Understanding the Rise of Anti-Political Correctness Sentiment: The Curious Role of Education.» In Humanity & Society 47(1):95-117.
David, Olivier. Das Lamm. 2024. «Hört auf mit eurem proletarischen Cosplay!» Zugriff am 19.01.2024. https://daslamm.ch/hoert-auf-mit-eurem-proletarischen-cosplay/
[1] Quelle: Goebel für Tagesanzeiger 2023.
[2] Quelle: Schulthess für SRF 2023.
[3] Quelle: Sauvageot für Südwestrundfunk 2023.
[4] Quelle: Surber für WOZ Die Wochenzeitung 2022.
[5] Wie Jain an der Podiumsdiskussion erläuterte, erlebten dies unter anderem auch italienische Gastarbeiter:innen und Arbeitsmigrant:innen, die ab Mitte der 1950er-Jahre in die Schweiz kamen. Während ihnen durch Gesetze und diskriminierende Stereotypen von der Schweizer Dominanzgesellschaft das Leben schwer gemacht wurde, zeigte eben diese Gesellschaft Interesse an der Kulinarik der italienischen Migrant:innen: Pizza, Pasta und frische Tomaten wurden von der Schweizer Küche übernommen, die Familienangehörigen der Gastarbeiter:innen hingegen waren nicht willkommen (s. auch das Radio SRF 1 Treffpunkt-Gespräch von Vera Rüchi mit Rohit Jain 2022; Hehli für Neue Zürcher Zeitung 2015)
[6] Quelle: Sternstunde Philosophie vom 27.10.2022.