Herausforderung Demenz: Kulturwissenschaftliche Prolegomena unter Einbeziehung von Tagebüchern und populären Medien

Fördergefäss

Fritz Thyssen-Stiftung

Projektleitung

Prof. Dr. Harm-Peer Zimmermann

Projektmitarbeiter

Dr. Malte Völk

Projektdauer

2015-2017

Projektbeschreibung

Das Postdoc-Projekt erarbeitet eine kulturwissenschaftliche Perspektive auf den Umgang mit demenziellen Erkrankungen. Untersucht werden im ersten Schritt Selbstzeugnisse und Tagebücher, in denen betroffene Personen den Krankheitsverlauf, insbesondere aber auch Veränderungen von Beziehungen und alltäglichen Routinen beschreiben. Im zweiten Schritt werden kontrastierend redaktionell bearbeitete und publizierte Berichte analysiert. An diese empirischen Forschungen schließen im dritten Schritt kulturtheoretische Überlegungen insbesondere im Hinblick auf mediale Repräsentationen im Kontrast zu akteursspezifischen Darstellungen von Demenz an.
Die Präsenz der Demenz-Thematik ist deutlich erhöht: nicht nur in traditionellen Medienformaten mit dokumentarischem Anspruch, sondern auch in erzählerischer Literatur und populären Serien. Was der Demenz mithin (auch) zu eigen ist, lässt sich verstehen als eine kulturell integrierende Kraft. Darin verdichten sich offenbar Zukunftsängste und Befürchtungen, wie sie etwa angelehnt sind an die altersspezifischen Faktoren demographischer Entwicklung. Über den steigenden Bedarf an Pflegekräften ist zudem der Komplex der heutigen Organisation von Arbeit berührt. Auch in diesem Bereich treten Sollbruchstellen hervor, wenn man Pflege- und Care-Arbeit im Umfeld von Demenzkranken betrachtet.
Krankheiten, die im weitesten Sinne den menschlichen Geist betreffen, sind mindestens seit der Moderne (Manie, Hysterie, Melancholie) ein beliebtes Sujet für die kulturelle Selbstreflexion hochgradig arbeitsteiliger Gesellschaften. Ist es aktuell auch die Demenz, die auf neue und zeitgebundene Art in eine bedeutungstragende Rolle gerät? Die Schwierigkeit besteht darin, derartig projektive Belehnungen des Krankheitskomplexes in ein angemessenes Verhältnis zum Leiden der betroffenen Personen zu setzen. Dazu möchte das Forschungsvorhaben mit seiner empirischen Rückbindung an Tagebücher und Selbstzeugnisse einen Beitrag leisten. Die Herausforderung, die das Phänomen der Demenz für eine alternde Leistungsgesellschaft darstellt, fordert ein vertieftes Verständnis seiner ethischen, kulturellen und anthropologischen Implikationen in empirischer und theoretischer Dimension.