Sauberkeit und Hygiene im Alltag WS05/SS06

Das zweisemestrige Projektseminar unter der Leitung von Prof. Dr. Ueli Gyr und lic. phil. Annina Wettstein war eine Veranstaltung für Studierende im Hauptfach und 1. Nebenfach. Es war als Forschungsseminar konzipiert, in welchem qualitative Dimensionen von lebensweltlichen Erfahrungen mit Hilfe des empirischen Methodenrepertoires der Volkskunde erhoben wurden. Im Mittelpunkt standen ethnographische Feldrecherchen (mit teilnehmender Beobachtung, Leitfadeninterviews) zum Umgang mit Sauberkeit und Hygiene. Der Erhebungsphase während der Sommermonate folgte die Auswertung und Themenbearbeitung im Projektteil des Wintersemesters.

Thematik

In der Volkskunde ist der Forschungsgegenstand Sauberkeit und Hygiene" bisher vor allem historisch untersucht worden. Es liegen u.a. Studien vor zur Entwicklung häuslicher Hygiene und Körperpflege sowie zur Institutionalisierung öffentlicher Gesundheitsvorsorge. Die im 19. Jahrhundert entstehende populärwissenschaftliche Hygienelehre prägte sowohl individuelle als auch kollektive Reinlichkeitsvorstellungen, die bis heute in Alltagspraxen, kulturellen Normen oder auch kollektiven Stereotypen (z.B. saubere Schweiz") nachwirken. Im Projektseminar steht die Gegenwartsanalyse im Vordergrund. Sauberkeit und Hygiene berühren sehr viele Bereiche postmoderner Lebenswelten und gewinnen über Werbung oder öffentliche Reinigungs- bzw. Ordnungsmassnahmen immer wieder an Aktualität. Das Forschungsinteresse richtet sich auf Orte, (geschlechtsspezifische) Handlungsfelder und Alltagstechniken sowie materielle Kultur, die mit Sauberkeit und Hygiene verbunden sind. Die Themen innerhalb der Kategorien Körper, Wohnen, Arbeit und öffentliche Räume werden unter Beizug von Internet- und Medienrecherchen gemeinsam erarbeitet. Zentral sind Fragen nach der subjektiven Bedeutung von Sauberkeit und Hygiene sowie deren Funktionen im Alltag.

Teilprojekt: Abfallbewältigung im häuslichen Bereich: Strategie und Einstellung (Christoph Clavadetscher)

Der Titel dieses Forschungsprojektes lautet «Abfallbewältigung im häuslichen Bereich: Strategie und Einstellung». Wie der Titel schon sagt, wird in dieser Arbeit der Umgang der Menschen mit dem Abfall im häuslichen Bereich untersucht. Es wird der Frage nachgegangen, wie der Abfall aus den eigenen vier Wänden entfernt wird. Im Detail interessiert, wie die Abfallbewältigung von Statten geht, welche Techniken und Hilfsmittel eingesetzt werden und welche Einstellung und Motivation die Person, welche für diese Arbeit verantwortlich ist, diesen Tätigkeiten gegenüber mitbringt. Kurz gesagt, werden das Leben und der Umgang mit dem Müll im häuslichen Bereich aufgezeigt und kritisch hinterfragt. Insgesamt wurden vier Leitfaden-Interviews mit Frauen durchgeführt, welche Kinder haben und in ihrem Haushalt für die Abfallbewältigung verantwortlich sind. Diese Interviews wurden nach der Bildung von Kategorien dementsprechend ausgewertet. Es hat sich erwiesen, dass der Abfall im häuslichen Bereich nach einer bestimmten Strategie beseitigt wird. Die Einstellung gegenüber der Abfallbewältigung im Allgemeinen beschränkt sich auf die Einsicht, dass der Abfall bewältigt werden muss. Dabei wird unbewusst gehandelt. Mit einer erkennbaren Motivation wird hingegen der Müll getrennt.

 

Teilprojekt: Meister Proper. Wahrnehmung und Rezeption im Alltag (Barbara Curti, Galandrielle Sauvin)

Meister Proper ist das Thema unserer Arbeit. Die Rezeption der Werbefigur und die mit ihr verbundenen Assoziationen haben wir anhand von problemzentrierten Leitfadeninterviews mit fünf Frauen und einer anschliessenden Bildbetrachtung erforscht. Meister Proper geniesst einen hohen Bekanntheitsgrad, der in engem Zusammenhang mit den TV-Spots der 1970er und 1980er Jahre steht. Vorstellungen von Männlichkeit und Überzeugungen davon, wer in einem Haushalt für die praktische Herstellung von Sauberkeit verantwortlich ist, sind in der Figur enthalten. Die mit einem Augenzwinkern versendete Werbebotschaft wirkt viel verspre-chend: Meister Proper schwört, dass unter seiner Anleitung die Putzarbeit schneller, gründli-cher und vor allem effizienter erfolgt. Doch bei näherer Betrachtung entpuppt sich die als ver-spielte Zauberei verpackte Botschaft als männliches Gedankengut, welches Frauen Kompe-tenz abspricht und sie entmündigt.

 

Teilprojekt: Tupperware. Die Frau im Haushalt: Ordnung, Sauberkeit und Hygiene von Hausfrauen am Beispiel von Tupperware (Helene Mühlestein, Rebecca Niederhauser)

Ausgehend vom bürgerlichen Ideal der reinlichen Hausfrau, welches Ordnung, Sauberkeit und Hygiene verbindet, untersuchten wir anhand von Tupperware als Beispiel einer materiellen Kultur in der Haushaltsführung, das kulturelle, gegenwartsbezogene Regelsystem, welches die heutige Haufrau auszeichnet. Um das Untersuchungsfeld zu erschliessen, nahmen wir zu Beginn unserer Feldforschungen an einer Tupperwareparty teil. Die Hauptdaten erhielten wir durch fünf problemzentrierte Interviews mit Tupperware benutzenden Frauen. Die Arbeit im Haushalt wird mit der Metapher «Sisyphusarbeit» umschrieben, oft fielen die Stichworte «putzen», «kochen» und «waschen». Ordnung, Sauberkeit und Hygiene ist ein Ziel der Haushaltsführung. Dieses Ziel soll Sich-Wohlfühlen nach innen und Repräsentation nach aussen hervorbringen. Tupperware wird dabei als Trick und Hilfestellung zur Effizienzsteigerung in der Haushaltsführung verwendet und hilft so den Frauen mit, das traditionelle Rollenbild der reinlichen Hausfrau zu erfüllen.

 

Teilprojekt: Autowaschen - eine saubere Sache. Qualitative Gegenwartsanalyse zur subjektiven Bedeutung und Funktion im Alltag (Caroline Fischer, Claudia Schneider)

Eine qualitative Gegenwartsanalyse zur subjektiven Bedeutung und Funktion im Alltag. Es ging darum, die kulturelle Dimension des Autowaschens zu erforschen. Während des Forschungsprozesses wurden sowohl teilnehmende und verdeckte Beobachtung an zwei Waschanlagen, als auch dreissig Kurz- und vier Leitfadeninterviews durchgeführt. Die Ergebnisse deuten insbesondere auf die spezielle Beziehung zwischen Auto und Besitzer hin, welche sich in erster Linie im Zeitaufwand für den Waschvorgang manifestieren. Doch auch Aspekte wie die Gründe für das Waschen und der Ablauf einer typischen Autowäsche sind Indikatoren für das Auto als Liebhaberobjekt oder gar Identifikationsobjekt. Dies widerspiegelt sich ebenso in den Berührungen der Autowaschenden während der Pflege des Wagens. Wir schliessen daraus, dass das Auto nicht nur gewaschen wird, weil es schmutzig ist, sondern auch um gesellschaftlichen Normen und Werten zu entsprechen, weil es gern gemacht wird, oder um den Wohlfühlaspekt auch im Autoalltag zu gewährleisten.

 

Teilprojekt: Wie sauber ist sauber? Sauberkeitsnormen bei der Übergabe von Mietwohnungen (Dana Briegl, Barbara Müller, Tanja Obrist)

Vorstellungen und Praxen zur Sauberkeit bei der Wohnungsabgabe stehen im Fokus dieser Arbeit. Wir machten teilnehmende Beobachtungen bei Wohnungsübergaben und qualitative Interviews mit Verwaltern und mit Mietern, die kürzlich eine Wohnung abgegeben hatten. Die Ergebnisse untersuchten wir aus zwei Blickwinkeln: Wir legten einen ersten Schwerpunkt auf die Werte und Normen zum Thema Sauberkeit. Da viele Mieter Angst vor der Wohnungsabgabe äusserten, betrachteten wir zweitens die Abgabe als soziale Situation in der ein Machtgefälle zwischen Verwalter und Mieter besteht. Bei den von uns untersuchten Wohnungsabgaben traten keine Konflikte auf. Wir stellten jedoch fest, dass die meisten Mieter die Wohnung sehr ausführlich reinigen. Einerseits weil sie vermeiden wollen als "schmutzig" dazustehen, andererseits aus Unsicherheit wie sauber eine Wohnung für die Abgabe sein muss. Der Verwalter hat hier einen Wissensvorsprung, denn er kennt diese Sauberkeitsnorm. Da die Norm aber nicht genau definiert ist, hat der Verwalter einen Ermessensspielraum bei der Kontrolle. Mieter werden so von seinem Urteil abhängig und beschreiben deshalb die Wohnungsübergabe ambivalent: Sie fürchten, eventuell schikaniert zu werden, begrüssen aber gleichzeitig den Schutz davor, eine ungereinigte Wohnung übernehmen zu müssen.

Teilprojekt: Sicherheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum (Franziska Bürgi, Kelechi Mennel)

In Zürich wird Sauberkeit im öffentlichen Raum mittels eines Sauberkeitsindexes auf eine standardisierte und damit messbare Skala gebracht. Bei Sauberkeit in Kombination mit Sicherheit geht es nicht mehr nur um gut beleuchtete Strassen und Plätze, oder um scherben- und spritzenfreie Parkanlagen, sondern auch um möglichst randständigenfreie Zonen. Gibt es so etwas wie eine soziale Sauberkeit? Die von uns genauer betrachteten Kampagnen der Stadt und städtische Instititionen deuten darauf hin.

 

Teilprojekt: Littering (Christine Länger Kramer, Sandra Zehnder)

Littering beschreibt das achtlose Wegwerfen und Liegenlassen von Abfall im öffentlichen Raum. Angeregt durch die erhöhte Medienpräsenz des Themas, beschlossen wir das Sauberkeitsempfinden der Bevölkerung der Stadt Zürich mit dem Bild, welches die politisch betriebliche Seite vermittelt, zu vergleichen. Mit dem Wipkingerpark an der Limmat wählten wir einen überblickbaren Ort für unsere Feldrecherche. Wir vertieften uns in aktuelle Medien- und Forschungsberichte und befragten mittels eines Leitfadeninterviews sechs Gewährspersonen der Benutzerseite und eine Gewährsperson der Expertenseite. Nebst dem Sauberkeitsempfinden interessierten uns Erklärungsmuster für Littering, die Meinung zu Massnahmen und das eigene Abfallverhalten. Nach Auswertung unserer Ergebnisse ziehen wir folgendes Fazit: Gelittert wird von allen Bevölkerungsschichten. Orte, Zeiten und Zonen beeinflussen das Litteringvorkommen sowie dessen Wahrnehmung. Obwohl Littering in den Medien als Problem wahrgenommen wird, sind die von uns befragten Personen mit der Sauberkeit in der Stadt Zürich zufrieden.

 

Teilprojekt: Männliche Körperhygiene - Männer und ihr Umgang mit Körperhygiene, Sauberkeit und Körperpflege (Michael Scherer, Sonja Ulrich)

Körperhygiene und speziell Körperpflege sind Kulturtechniken, die traditionell der Frau zuge-ordnet werden. Frauenzeitschriften sind voll von Ratschlägen und Tipps zum Umgang und zur Pflege des weiblichen Körpers und in den Einkaufszentren ist die Menge der dazu «benötigten» Produkte beinahe unüberschaubar. Wie sieht dies aber beim Mann aus? Aus subjektiver Perspek-tive erschien uns, durch Werbung inspiriert, diesbezüglich eine Veränderung stattzufinden. Marktstudien belegen, dass nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage nach Körperpfle-geprodukten für den Mann in den letzten Jahren markant zugenommen hat. In den Medien wird dieses Phänomen oft unter dem Schlagwort «Metrosexualität» thematisiert und bezeichnet damit einen «neuen» Typ Mann, der unter anderem bewusst und mit relativ grossem finanziellem und zeitlichem Aufwand seine äussere Erscheinung pflegt. In dieser Arbeit wurde versucht, die Einstellung zu und das Verständnis von Körperhygiene und -pflege, sowie die Umsetzung in die Praxis von vier Männern im Alter zwischen 25 und 26 Jahren zu erfassen. Dazu wurden längere Leitfadeninterviews durchgeführt, transkribiert und qualitativ inhaltlich analysiert. Grundsätzlich konnte festgehalten werden, dass es auch Sicht der befragten Männer bei den Grundlagen der Körperhygiene, wie beispielsweise duschen und Hände waschen, keine Unter-schiede in den Ansprüchen zwischen Mann und Frau gibt und geben sollte. Aufgefallen ist vor allem der grosse Stellenwert der Verhinderung von Körpergerüchen, welche als Hauptmerkmal von ungenügender Körperhygiene gelten. Alles was darüber hinaus geht und dem Bereich «Beau-ty & Wellness» zugeordnet werden kann, muss differenzierter betrachtet werden. Hier sind die Ansprüche an das weibliche Geschlecht höher als an das männliche. Dass der gesellschaftlich tolerierte Freiraum für den Mann im Gebiet der Körperpflege an Umfang zugenommen hat, sind sich die Interviewten einig. Genutzt wird dieser, mit einer Ausnahme, aber sehr vorsichtig. Eine Neubewertung der männlichen Körperpflege ist im Gange, nur reibt sich diese mit einem stark präsenten traditionellen Männerbild.

 

Teilprojekt: Fokus auf den Lokus. Hygiene- und Sauberkeitsvorstellungen bei öffentlichen Toiletten am Beispiel von ZüriWC (Sabrina Alvarez, Sandro Alvarez)

«Täglich muss Mann/Frau durchschnittlich 4.5mal und verbringt 16 Minuten auf dem Lokus» verrät uns eine Umfrage eines bedeutenden Toilettenpapierherstellers. Grund genug, um im Rahmen des Projektseminars «Hygiene- und Sauberkeitsvorstellungen im Alltag» die öffentlichen Toiletten in den Blickwinkel zu nehmen und zu fragen, was sich mit diesen Leitbegriffen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Betreiber des ZüriWC, des Reinigungspersonals und den Benutzern erblicken lässt. Die Arbeit richtet den Fokus auf den Lokus.

 

Teilprojekt: Hygiene- und Sauberkeitsvorstellungen im Hallenbad (Carolyn Bürgi)

Seit einigen Jahrzehnten verzeichnen Schweizer Hallenbäder steigende Besucherzahlen. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass die Funktion und Motivation des Badbesuches über Jahrhunderte geändert und vervielfältigt wurde. Ein Hallenbad wird heute nicht mehr zum Zweck der Körperreinigung aufgesucht, sondern neben sportlichen und therapeutischen Gründen gehen viele Besucher wegen des «Plausches» und Freizeitvergnügens baden (besonders auch um der Kinder Willen). Aufgrund der grossen Beliebtheit wurden schon mehrere schweizweite Forschungen durchgeführt, beispielsweise im Bereich der Wasserqualität. Was ich jedoch wissen wollte und in meiner Arbeit untersuchte, war, wie zufrieden die Gäste mit der Sauberkeit und Hygiene der Bäder und der umliegenden Infrastruktur generell sind. Hierfür interviewte ich drei Frauen unterschiedlichen Alters (qualitative Leitfadeninterviews à ca. je 40-45 min.) und führte teilnehmende, teils auch verdeckte Beobachtungen in einem spezifischen Hallenbad durch. Daraus ergaben sich folgende Resultate: Sauberkeit wird oft mit Klarheit definiert; der visuelle Aspekt von Sauberkeit ist vielen BesucherInnen sehr wichtig. Das Badewasser soll möglichst steril sein, auch wenn dafür Chemie eingesetzt wird. Die hygienischen Verhältnisse der Bäder und Infrastruktur werden als sehr wichtig eingestuft; oft wichtiger als die Sicherheit. Die Interviewten waren generell zufrieden mit den hygienischen Verhältnissen sowohl in diesem spezifischen Hallenbad, als auch allgemein in Schweizer Hallenbäder.

 

Teilprojekt: Städtische Waschsalons am Beispiel Zürichs (Isabelle Ravizza)

In unseren Köpfen irrt der Waschsalon als ein mythischer Ort herum, der etwas Geheimnisvolles an sich hat. Durch Filme und Werbungen wird uns dies übermittelt. Doch ist dem so? Oder ist es nur ein Ort, welcher funktionieren muss, sprich, an dem man seine Wäsche waschen kann? Wie wird die Sauberkeit und Hygiene in einem Waschsalon gehandhabt? Durch Beobachtungen und Interviews mit Benutzern und Benutzerinnen und Betreibern wollte ich dem nachgehen. Etliche Waschmaschinen und Trockner stehen in Reih und Glied und warten, dass man sie benützt. Die Benutzer und Benutzerinnen huschen in den Waschsalon, werfen ihre schmutzige Wäsche in die Waschmaschine und eilen wieder hinaus. Für die Benutzer und Benutzerinnen pure Hektik, doch Zeit ist Geld und man will nicht im Waschsalon verweilen, da man in der Zwischenzeit schnell noch etwas anderes erledigen kann. Die meisten Waschsalons in Zürich befinden sich in ehemaligen Arbeiterquartieren und strahlen eine triste Ambiance aus, die nicht einladend auf die Benutzer und Benutzerinnen wirkt, welche sich auch nicht für längere Zeit im Waschsalon aufhalten.