Spurensuche für Seitenblicke

Studierende des Volkskundlichen Seminars recherchierten ein Jahr lang für die 98er Jubiläums-Ausstellung "Seitenblicke", die an verschiedenen Orten des In- und Auslandes zu sehen ist. Eine fruchtbare Zusammenarbeit auf einem noch immer stark vernachlässigten Gebiet -- der Fotografie.

Das Medium Fotografie ist ungefähr gleich alt wie der schweizerische Bundesstaat. Als dieser 1848 entsteht, ist das fotografische Verfahren seit neun Jahren patentiert, steckt noch in der Pionierphase. Rasch entwickelt es sich zu dem Massenmedium und wird zur dominierenden Erinnerungsform unserer zunehmend visuell orientierten Gesellschaft.
Heute allerdings scheint das Ende der klassischen Fotografie nahe. Digitale Bildkonstruktion und -verarbeitung und beliebige Manipulationsmöglichkeiten zwingen zu einem anderen Umgang mit dem fotografischen Bild und seinem Authentizitätsanspruch. In diesem Moment des Umbruchs stellt sich verstärkt die Frage nach der Bedeutung der Fotografie als wissenschaftliche Quelle. Was kann sie leisten? Wie sind fotografische Dokumente zu lesen?
Die Ausstellung "Seitenblicke" geht diesen Fragen anhand der dokumentarischen Fotografie in der Schweiz in den letzten 150 Jahren nach. Gezielt wurde auf die unterschiedlichen Ressourcen verschiedener Institutionen zurückgegriffen: Das Forum der Schweizer Geschichte lieferte das museale Knowhow, von der Schweizerischen Stiftung für die Photographie kamen die Kenntnisse im Bereich der Fotografie. Das Volkskundliche Seminar der Universität Zürich steuerte im Rahmen eines einjährigen, von Walter Leimgruber und Peter Pfrunder geleiteten Projektseminars Recherchen zu einzelnen Bildern und Archiven bei.

 

Das ABC buchstabieren

Anders als etwa bei der Arbeit mit schriftlichen Quellen oder bei der Feldforschung existieren bei der Arbeit mit Fotografien nach wie vor keine gültigen Anleitungen. Manchen Studierenden erschien es, als müssten sie das ABC erlernen. Während in langen Schuljahren die Handhabung und Interpretation von Schrift und Text erlernt und immer wieder erprobt wird, fehlt eine solche Routine im Umgang mit Bildern. Ein erstaunlicher Befund in einer Gesellschaft, in der immer grössere Teile der Informationsaufnahme und der Reize visuell erfolgen. Noch immer werden Bilder in wissenschaftlichen Arbeiten aber in erster Linie illustrierend verwendet, dienen dazu, Dinge zu belegen, die man auf anderen Wegen und mit anderen Medien erforscht hat. Häufig sind sie auch bloss Verkaufsargument für eine Publikation. Andererseits gesteht man der Fotografie noch immer einen grossen Wahrheitsgehalt zu, sieht sie bisweilen als geradezu objektiv, obwohl an sie ebenso kritische Massstäbe der Interpretation angelegt werden müssten wie an schriftliche Dokumente.
Fotografien erklären nicht, machen nicht nachvollziehbar, warum in der Vergangenheit etwas so und nicht anders abgelaufen ist. Vorerst einmal reissen sie das Abgebildete aus allen Zusamenhängen: aus dem räumlichen Zusammenhang: Welchen Ausschnitt bekommt man zu sehen, was passiert neben dem Bild, in einem näheren und weiteren Umfeld? Aus dem zeitlichen Zusammenhang: was ist vor und nach der Aufnahme passiert? Aus dem funktionalen Zusammenhang: Warum verhält sich das Abgebildete genau so? Was ist seine Aufgabe, seine Bedeutung? Dennoch sind die Bilder wertvolle Quellen. Sie machen uns auf Dinge aufmerksam, die ohne Abbildung nicht bekannt, nicht überliefert werden. Ohne Einbezug weiterer Materialien, weiterer Informationen ist ihr Gehalt jedoch so klein oder so gross wie der jeder isolierten Quelle. Andere Bilder liefern wichtige Vergleiche, Aufzeichnungen der Fotografen oder der Abgebildeten erlauben es, den Moment der Aufnahme zu rekonstruieren oder den Personen einen Namen zu geben. Technische Abklärungen zum Verfahren und zum Papier lassen Rückschlüsse auf das Datum und die Umstände zu.
Die Komplexität der Bildinformation macht der Forschung zu schaffen. Bildinterpretation, Technik des Fotografierens, soziale und kulturelle Bedeutung des Bildes, des Fotografierens, des Fotografiertwerdens und des Fotografienbetrachtens stecken weite Forschungsfelder ab. Diese sind nicht Sache eines einzelnen Faches, sondern machen einen interdisziplinären Ansatz notwendig. Entsprechend gross war der Aufwand der Studierenden. Sie beschäftigten sich mit Fotogeschichte und theoretischen Ansätzen, durchsuchten unstrukturierte Archive, recherchierten Daten und Hintergründe zu einzelnen Bildern und verfassten Bildbeschreibungen und -interpretationen.

 

Mentalitäten und Mythen

Die Vielschichtigkeit wird noch kompliziert durch die Emotionalität. Bilder sprechen uns in der Regel emotional an. Wir fühlen etwas beim Betrachten, empfinden Freude, Wut oder gar Abscheu, Sympathie oder Unbehagen, werden an etwas erinnert. Fotografien bieten daher vor allem dort wichtige Informationen, wo es nicht in erster Linie um die Ermittlung harter Fakten geht, sondern dort, wo Einstellungen, Projektionen, Mentalitäten, Mythen und Ideologien erforscht, wo kulturelle oder soziale Gruppen in ihren Zusammenhängen untersucht werden.
151 Bilder wurden für die Ausstellung ausgewählt, für jedes Jahr zwischen 1848 und 1998 eines, 151 zufällige Momente. Dennoch bilden die diesem streng chronologischen Konzept unterworfenen Fotos ein Panoptikum der gesellschaftlichen Entwicklung in der Schweiz. Jedes Bild erzählt eine Geschichte. Und alle diese Geschichten verknüpfen sich zu einem vielschichtigen Text über die Menschen, die hier leben, ihren Alltag, ihre Um- und Mitwelt, ihre Freuden und Sorgen. Pluralität und Heterogenität zeigen, dass es nicht eine lineare Entwicklung gibt, sondern dass jede historische Aufarbeitung nur eine von vielen subjekten Wahrnehmungsweisen und Verknüpfungsmöglichkeiten zeigt.
Das Projekt bot eine sinnvolle und befruchtende Zusammenarbeit von Archiven, Universität und Museum, von Aufbewahrung, Aufarbeitung und Umsetzung. Für die Studierenden war das Betreten von Neuland ebenso eine Herausforderung wie der Umgang mit den Zwängen einer Ausstellungsproduktion: knappe Termine, beschränkte Zeichenzahl für die Texte und nicht zuletzt das Ausscheiden von vielen liebgewonnenen Bildern mussten verdaut werden.

 

Walter Leimgruber

Ausstellungsdaten

Schwyz, Forum der Schweizer Geschichte, 21. Mai - 13. September 1998, Di-So 10-17 Uhr
Paris, Centre Culturel Suisse, 25. September - 22. November 1998
Genève, Maison Tavel, 17. Dezember 1998 - 25. April 1999
Lugano, Museo Cantonale d'Arte, 22. Mai - 11. Juli 1999
Zürich, Schweizerisches Landesmuseum, August - Oktober 1999

Publikation

Der Begleitband mit Texten (d/f/i) von Peter Pfrunder, Mario König, Walter Leimgruber, Hans Peter Treichler und anderen ist im Offizin Verlag, Zürich, erschienen und kann für CHF 78.-- im Buchhandel und CHF 58.-- in der Ausstellung bezogen werden (ISBN 3-907495-90-X ).