ZANTHRO Comment No 7

ZANTHRO Comments Nr. 7

 

„Whatever happens, we will continue to engage in the civil disobedience movement until the end. We have to resist because we can’t leave our future generations under military rule” (The Irrawaddy 2021). Diese Aussage stammt von einer Person, die zu den wissenschaftlichen Assistierenden an der Yangon University gehörte. Anfang Mai ist sie – wie tausend andere – vom Dienst suspendiert worden wegen Aufwiegelung gegen die Militärregierung, die mit einem Putsch am 1. Februar 2021 die Macht übernommen hatte.

Die Öffnung, die Myanmar seit 2011 erlebte, schien so vielversprechend und übergreifend zu sein. Zurückzuführen ist sie auf einen langen Prozess, der Mitte der 90er Jahren des letzten Jahrhunderts mit der Neuformulierung der Konstitution begann und durch das Militär gesteuert wurde. 2008 konnte die neue, jetzt gültige aber umstrittene Konstitution endlich verabschiedet werden, die den Weg frei machen sollte für die 2004 beschlossene „Roadmap to Democracy“ (Lidauer 2014, 73). Die 2011 eingesetzte Regierung öffnete das Land in einer Weise, die niemand für möglich gehalten hätte und ebnete den Weg für einen überwältigenden Wahlsieg der damaligen Oppositionspartei National League for Democracy (NLD) im Jahr 2015 und ihrer bekanntesten Vertreterin, der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Su Kyi, die sich Jahrzehnte in Hausarrest befunden hatte.

Neben Touristengruppen, Investoren und Entwicklungsorganisationen „stürmten“ auch Forschende euphorisch das Land. Die Abteilung Ethnologie des Instituts für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft (ISEK) war mit ihrer Expertise in Asien keine Ausnahme: Im November 2014 unterzeichneten die Rektoren der Universität Zürich (UZH) und der Mandalay University eine Absichtserklärung zur verstärkten Zusammenarbeit, die neue Forschungsprojekte ermöglichte – was vor allem von Forschenden der UZH wahrgenommen wurde, die Forschungen in Myanmar durchführten. Die Absichtserklärung ermöglichte ausserdem den Studierendenaustausch, der im April 2017 mit einem gemeinsamen Programm institutionalisiert wurde (Blöchlinger 2017); die Möglichkeit des Studierens an der Partneruniversität wurde insbesondere von Studierenden der Mandalay University wahrgenommen.

Bild Zanthro 7
Bild 1 © Georg Winterberger

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mandalay University in Myanmar

 

 

 

 

2020 fand der Austausch ein abruptes Ende und die laufenden Forschungsprojekte mussten eingestellt werden – zumindest vorübergehend, so glaubte man. Die Corona-Pandemie führte zu einschneidenden Veränderungen in der Forschungslandschaft und der Studierendenmobilität – und zwar nicht nur in Myanmar. Die Veränderungen auf lokaler Ebene waren noch um einiges grösser: Seit Jahrzehnten leben mehrere hunderttausend Menschen verschiedenster ethnischen Gruppen aus Myanmar vornehmlich in Ländern Südostasiens. Die Gründe für die Flucht in die Emigration können sowohl auf die politische Lage mit jahrzehntelanger Militärdiktatur und Unterdrückung als auch auf die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit im Land zurückgeführt werden. Diese beiden Umstände haben sich seit 2011 zwar wesentlich verbessert, aber die Zahl der Migrierten blieb weiterhin hoch. Als sich jedoch in der ersten Hälfte des Jahres 2020 die Grenzen der Länder in Südostasien aufgrund der Corona-Pandemie zu schliessen drohten, kehrte eine grosse Zahl von Migrierten zurück in ihr Heimatland – viele von ihnen verbrachten den grössten Teil ihres Lebens ausserhalb von Myanmar und waren schon für viele Jahre nicht mehr in ihrem Herkunftsland. Diese Rückwanderung hatte neben verschiedener Auswirkungen auf der sozialen Ebene vor allem einschneidende Auswirkungen in finanzieller Hinsicht: Es fehlen seither die wichtigen Geldübermittlungen aus dem Ausland einerseits und es kommen andererseits Mehrausgaben für den Unterhalt der zusätzlichen Personen im Land hinzu.

Finanziell noch einschneidender sind der komplette Wegfall der Einnahmen aus dem Tourismussektor und die Sistierung von Investitionsprojekten mit internationalen Geldgebern. Eine ganze Kette von Auswirkungen speziell auf finanzieller Ebene ist die Folge. Wie verheerend diese Auswirkungen langfristig auf das Land als Ganzes, die Gesellschaft und auf die Einzelschicksale sein werden, kann nur die Zukunft zeigen. Und als ob das nicht schon genug wäre für die Bevölkerung Myanmars, wird am 1. Februar 2021 die Zuversicht in eine prosperierende Zukunft, die die Öffnung des Landes in den letzten zehn Jahren hervorgebracht hat, zerstört.

Es gab Vorzeichen. Das Tatmadaw, das Militär Myanmars, liess in der letzten Januarwoche verlauten, dass es einen Putsch aufgrund von Unregelmässigkeiten bei den Wahlen im November 2020 in Betracht ziehe. Der Sprecher des Militärs wird wie folgt zitiert: „We do not say the Tatmadaw will take power. Neither do we say it will not” (Thura Swiss 2021). Am 1. Februar 2021 wurden Mitglieder der amtierenden Zivilregierung und des Parlaments sowie andere prominente zivilgesellschaftliche und religiöse Akteure festgenommen. Ein Grossteil davon wurde zwar eine Woche später wieder frei gelassen, aber ihre Posten wurden in der Zwischenzeit mit militärnahen Personen aus der Politik besetzt. Das Militär verhängte einen einjährigen Ausnahmezustand und übertrug die Macht am 2. Februar 2021 an einen Staatsverwaltungsrat, der vom Militär kontrolliert wird.

Im ganzen Land organisieren sich seitdem Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Generationen, um gemeinsam friedlichen zivilen Widerstand zu leisten (Jordt et al. 2021). Die Bewegung hat sich zu einem Generalstreik ausgeweitet und das gesellschaftliche Leben kommt vor allem in den grösseren Städten immer mehr zum Erliegen. Die Proteste entbehren aber einer klaren Führungsriege, sie sind dezentral organisiert und finden generationsübergreifend statt (Beyer 2021). Das Militär reagiert mit Gewalt und Repressionen und lässt auf die Demonstrierenden schiessen. Es sind bereits mehrere hundert Todesopfer zu beklagen, und das obwohl die Demonstrierenden unbewaffnet sind. Darüber hinaus gab es nächtliche Razzien bei den an Demonstrationen beteiligten Organisationen und Festnahmen von Aktivistinnen und Aktivisten. Die Militärführung hat bislang keinerlei Verhandlungsbereitschaft signalisiert.

Was das nun für die Forschungslandschaft im Land und für die internationale Wissenschafts-Community bedeutet, ist noch nicht abzuschätzen. In jedem Fall ist das aber das kleinere Problem. Denn dem gegenüber steht die unvorstellbare Situation der Bevölkerung Myanmars, die sich wieder einem Militär gegenübersieht, das unberechenbar in ihr Leben eingreift: So besetzten beispielsweise am 8. März 2021 Soldaten den Campus der Partneruniversität der UZH in Mandalay. Die Dozierenden mussten fliehen, einige unter ihnen unter Todesangst, da sie einer ethnischen Minderheit angehören und nie wissen können, ob ihre Herkunft gegen sie verwendet wird. Die höheren Bildungseinrichtungen mögen im Fokus der Militärregierung stehen, weil der Aufstand im Jahre 1988 von Studenten ausging (Zöllner 2014, 94–95). Jedenfalls sind die Dozierenden aller Universitäten im Land Staatsangestellte und direkt abhängig von der neuen Militärregierung. Der Grossteil der wissenschaftlichen Angestellten und der Professorenschaft nicht nur der Mandalay University hat sich in den letzten Monaten der Bewegung des zivilen Ungehorsams angeschlossen, denn sie würden eine Arbeit für das Militärregime nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können – so schrieben mir Dozierende des Anthropology Departments der Mandalay University über soziale Medien.

Die Situation hat sich nochmals verschärft. Denn die Regierung hat in der letzten Maiwoche alle Dozierenden suspendiert, die sich immer noch im zivilen Ungehorsam befinden. Viele der Dozierenden sind zwar unterdessen wieder an die Arbeit zurückgekehrt – auch an der Mandalay University – immerhin geht es um den Lebensunterhalt. Dennoch ist zweifelhaft, ob die staatliche Bildung überhaupt unter den Gegebenheiten weitergeführt werden kann, denn um 19‘000 Universitätsangestellte wurden unterdessen im ganzen Land entlassen – und von den Lehrpersonen der öffentlichen Schule sollen es sogar um 125‘000 sein – wie ein Teilnehmer aus Myanmar am Academia Roundtable bekannt gab, der am 27. Mai 2021 im Rahmen der diesjährigen Konferenz des Myanmar-Instituts stattfand. Eine der Professorinnen des Anthropology Departments der Yangon University fügte hinzu, sie werde niemals unter der Militärregierung an die Universität zurückkehren können. Somit liegt das universitäre Leben in Myanmar – wie auch jede wissenschaftliche Tätigkeit – praktisch brach.

Die Universität Zürich, die die Magna Charta Universitatum unterschrieben hat, steht hinter den Werten der akademischen Freiheit und der institutionellen Autonomie als Leitsätze und Vorbedingungen für die Wissenschafts-Community. Was momentan in Myanmar passiert, steht diesen Werten diametral entgegen. So werden vermehrt Stimmen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern laut (vergleiche dazu Universität Konstanz 2021), und Netzwerke von Forschenden, wie das Myanmar-Institut, dem ich selbst angehöre, fordern die sofortige Übergabe der Macht an die im November 2020 gewählten Vertreterinnen und Vertreter des Volkes von Myanmar (Myanmar-Institut 2021).

Bibliographie

Beyer, Judith. 2021. „You messed with the wrong generation.“ OpenDemocracy 11.02.2021. Zugriff am 14.04.2021.
https://www.opendemocracy.net/en/you-messed-with-the-wrong-generation-the-young-people-resisting-myanmars-military/.

Blöchlinger, Brigitte. 2017. „Studierenden-Austausch: Myanmar rückt näher.“ UZH News 27.04.2017. Zugriff am 14.04.2021.
http://www.news.uzh.ch/de/articles/2017/Studierendenaustausch.html.

Jordt, Ingrid, Theraphi Than, und Sue Ye Lin. 2021. „How Generation Z Galvanized a Revolutionary Movement against Myanmar's 2021 Military Coup.“ Trends in Southeast Asia 7, ISEAS – Yusof Ishak Institute.

Lidauer, Michael. 2014. „Towards a new state in Myanmar.“ In Burma/Myanmar-Where Now?, herausgegeben von Mikael Gravers und Flemming Ytzen, 72–86. Copenhagen: NIAS Press.

Myanmar-Institut. 2021. „Solidarität mit den Menschen in Myanmar.“ News #39 (28.02.2021): 4.

The Irrawaddy. 2021. „Myanmar Junta Suspends Over 1,600 Educators for Refusing to Work.“ The Irrawaddy 08.05.2021. Zugriff am 30.05.2021.
https://www.irrawaddy.com/news/burma/myanmar-junta-suspends-over-1600-educators-for-refusing-to-work.html.

Thura Swiss. 2021. „Tatmadaw press conference raises concerns.“ News Issue 450 (28.01.2021): 1.

Universität Konstanz. 2021. „Aktuelles zu Myanmar.“ Zugriff am 30.05.2021.
https://www.soziologie.uni-konstanz.de/beyer/aktuelles/myanmar/.

Zöllner, Hans-Bernd. 2014. Von Birma nach Myanmar: Ein Zeit-Reise-Führer, 1984–2013. Hamburg: Abera.