ZANTHRO Comment No 6

ZANTHRO Comments Nr. 5

 

Im Zeitalter des Redens über Fake-News und Wissenschaftler:nnen-Bashing, über Echokammern und gesellschaftliche Polarisierungen, ist die sozialwissenschaftliche Forschung mit spannenden Herausforderungen konfrontiert. Sie sieht sich zeitgleich in Legitimationszwang gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit („Was tut ihr eigentlich so in eurem Elfenbeintürmchen, während die Welt da draußen brennt?!“) als auch als Bastion der Dialogfähigkeit, als Hüterin von Grautönen und Repräsentantin der Vielstimmigkeit, vielleicht gar als kühler Kopf in überhitzten Debatten (Dahinden, 2014; Mecheril, Thomas-Olalde, Melter, Arens & Romaner, 2016). Nimmt man sich dem Unterfangen an, wissenschaftliche Analysen aus der Universität hinauszutragen, stellen sich unmittelbar ganz konkrete Probleme und Fragen. Im (öffentlichen) Dialog begegnet man einer Vielfalt an Stimmen, deren Sprechakte unterschiedlich legitimiert, und mit divergierenden Intentionen aufgeladen sind. Alltagskategorien treffen auf analytische Betrachtungsweisen, Meinungen auf Lesarten, Aktivismus auf Erfahrung, Likes auf Shitstorms (Thompson, 2020). Dies lässt mitunter „die Grenzen zwischen Glauben und Wissen […] unscharf“ werden, die „Forschung und wissenschaftliche Erkenntnis verkommen zu einer beliebigen Wissensform unter vielen anderen“ (Warsewa, Bleses & Güldner, 2020, S. 291). Entscheiden Sozialwissenschafter:nnen, sich in öffentliche Debatten einzubringen, ist darüber hinaus gar nicht so klar, welche Perspektive(n) sie als genuin sozialwissenschaftliche Expertise überhaupt anzubieten haben, und wen sie wie damit zu erreichen in der Lage sein werden. Denn: Welchen Logiken der Kommunikation unterliegt die öffentliche Wissenschaft? Welche Statusarenen der Anerkennung durchläuft ein (wissenschaftliches) Nachdenken zu gesellschaftlich umkämpften Terrains, wenn Sprechakte durch unterschiedliche gesellschaftliche Zusammenhänge wandern? Was passiert mit sozialwissenschaftlich generiertem Wissen, wenn es frei gegeben wird? Wie ändert das Medium, wie das Genre, wie das jeweilige Publikum und die Dialogpartner:nnen, das Sprechen über die Forschung, den Forschungsgegenstand, und die sozialwissenschaftliche Analyse? Kurz: Was geschieht mit Wissen in Bewegung, und was passiert mit den Sozialwissenschaftler:nnen, die ihre Erkenntnisse in unterschiedlichen Feldern zur Disposition stellen?

Diesen Fragen hat sich das über Mittel der UZH Hochschuldidaktik finanzierte Lehrkredit-Seminar „Wissen in Bewegung. Sozialwissenschaft – Migration – Öffentlichkeit“ in Herbstsemester 2020 in einer Pilotphase angenommen. Inhaltlich lag der Fokus auf der Migrationsforschung und öffentlichen Debatten über Migration, in denen die oben genannten Kämpfe um Deutungshoheit und die Frage sozialwissenschaftlicher Involvierung über die eigene Comfort-Zone hinaus als besonders turbulent bezeichnet werden können. Hauptziel war es, Wissen über Migration – wie auch die Migration von Wissen in die Öffentlichkeit – so einzubetten, dass Studierende sensibilisiert werden für die Bedingungen der Möglichkeiten sozialwissenschaftlicher Öffentlichkeit, Techniken der Wissenschaftskommunikation lernen und umsetzen, sowie verschiedene Disseminationsgenres kennen und bedienen können.

Dieser ZANTHRO-Kommentar macht Erkenntnisse und Ergebnisse ganz konkret in Form eines Produktes, welches im Laufe des Kurses entstanden ist, verfügbar: Ein Podcast über das Zürcher Nothilfe-System. Dabei reflektiert er die Bedingungen der Denkbewegungen zwischen Sozialwissenschaft und Öffentlichkeit und beleuchtet, entlang des Entstehungsprozesses, Ambivalenzen der Wissenschaftskommunikation und des Genrewechsels von Seminararbeit zu Podcast.

Podcast Bild
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Podcast "Das Nothilfesystem im Kanton Zürich"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kontrollverlust?

Studierende lernen im Studium, Argumente zu plausibilisieren, empirische Erkenntnisse an breitere fachdisziplinäre Debatten rückzubinden und einen eigenen sozialwissenschaftlichen Standpunkt zu finden. Sie feilen an ihrer wissenschaftlichen Praxis, die bestimmten Logiken der Evaluation (u.a. Quellenkritik, stringenter Aufbau der Argumentation, Definitionsarbeit, Darlegung von Erkenntnisinteresse und wissenschaftstheoretischer Positionierungen) genüge tun muss. Doch wenn das Schreibens eines Essays durch die Produktion eines Podcast ersetzt wird und sich das Publikum vergrössert, scheint nichts mehr davon unterhinterfragte Gültigkeit zu haben. Ändern sich also die Bedingungen des Nachdenkens über einen Gegenstandsbereich? Die Art der Argumentation? Gerade die Anthropologie hat eine lange Tradition der Reflexion eigener Sprechakte und produzierter Narrationen, spätestens seit der s.g. Krise der Repräsentation sind die Darstellung einer Diversifikation von Stimmen und Narrative, aber auch die Hinterfragung sozialer Konstrukte, im Fach zu etwas herangereift, das versucht, der Komplexität des Sozialen Rechnung zu tragen, und plausible Lesarten und analytische Reflexionen, nicht Wahrheiten zu verbreiten. Diesen kann man in Seminararbeiten Raum geben, aber vor laufender Kamera, in einem Podcast?

Der Rückzug in die Comfort-Zone des einsamen Schreibens war im Seminar keine Option. „Auf einmal waren da nicht mehr nur der Text und ich“, meinte eine Teilnehmerin treffend. Wir haben uns also vorgewagt – und fanden uns unvorbereitet in einem gefühlten „Kampf um Deutungshoheit“ wieder, dessen Regeln und Prinzipien uns das Studium nicht gelehrt hatte. Doch wie damit umgehen?

Auf die Plätze, fertig, los!

Öffentliche Wissenschaft ist, so stellen wir schnell fest, gar nicht so einfach. Das Teilhaben an der Welt der Blogs, Kolumnen, journalistischen Beiträge(n), Graphic Novels, Podcasts und Talkshows will gelernt sein, und Wissenschafter:nnen arbeiten hier nicht ohne Grund mit Personen zusammen, die langjährige Erfahrung und professionelle Ausbildungen in Tontechnik, Graphik, Design, Marketing, Kameraführung, etc. vorweisen können.

Um mal eben – und zusätzlich unter Pandemie-Bedingungen – gute Aufnahmen hinzubekommen, mangelte es im Seminar an fundierten technischen Kenntnissen und medialer Erfahrung, sowohl bei den Studierenden als auch bei den Dozentinnen. Wie kann Schall isoliert werden, wie schneidet man „Ähm’s“ aus der Spur, und wie liest man einen geschriebenen Text so, dass er gesprochen klingt? Wie funktioniert die Koordination von Text Ablesen und Blick in die Laptop-Kamera? Dass für eine gute Wissenschaftskommunikation multi-professionelle Zusammenarbeit erforderlich ist, konnten uns unsere Gäste Dilyara Müller-Suleymanova und Asmaa Dehbi des Projekts Swiss Muslim Stories eindrücklich darlegen. Auftritt vor Publikum will geübt sein; nicht nur um den guten Cut hinzukriegen, sondern auch, um das Nachleben eines öffentlichkeitswirksamen Auftrittes zu betreuen und zu steuern. Die Projektverantwortlichen haben sich bewusst für einen optimistischen Blick auf muslimische Diversität entschieden. So wird durch die Selektion von Fällen, Sprache und Geschichten eine Blickrichtung intendiert, durchaus im Bewusstsein von damit einhergehenden Limitierungen und dem Wissen darum, dass das „Afterlife“ der Produktionen nicht mit Sicherheit bestimmt werden kann. Denn so richtig lebendig werden Geschichten mit dem Moment der Veröffentlichung – ab hier kommt Wissen viel dynamischer in Bewegung.

Während wir uns zu Beginn noch über unterschiedliche Lesarten akademischer Texte unterhielten, kam spätestens im Dialog mit Gesprächspartner:nnen, welche auch ausserhalb der Wissenschaft arbeiten, die Wahrheit zur Sprache. Nicht als zu debattierendes Konzept – sondern als real existierende Dualität, wahr oder nicht wahr. Vorbei war es mit Blickwinkeln und diversifizierter Betrachtung von Sachverhalten.

Die sozialwissenschaftlichen Stimmen finden sich konfrontiert mit bisher unbekannten Bewertungskriterien, in einem Raum in welchem es offensteht, ob man ihnen Glauben schenken will. Plötzlich muss der analytische Blick im Strudel der Vielstimmigkeit Dinge richtigstellen, aufklären, es besser wissen. Er muss Trennung vornehmen zwischen wahr und unwahr, gut und schlecht, dabei irgendwie versuchen Wissen von Meinungen separiert zu halten und merkt nach kurzem Intermezzo und dem immer angestrengteren Versuch den Kopf über Wasser zu halten – das führt zu nichts. Das undifferenzierte Zurufen emotionalisiert bloss und paart sich mit der Unsicherheit über den Mehrwert der eigenen Stimmen in Debatten, in welchen bereits so viele engagierte Menschen mitreden, die einen Weg gefunden zu haben scheinen, sich in diesen für uns mit Wasserstrudeln gespickten Gewässern zu bewegen.

Produktive Reflexion, Mut zu Entscheidungen

Das eigene Nachdenken zu migrationsbezogenen Phänomenen und die Involvierung in öffentlichen Debatten stellt unmittelbar die eigenen Worte auf den Prüfstand; sie müssen nicht nur den Kriterien einer wissenschaftlichen Arbeit genügen (aka: habe ich richtig zitiert, habe ich genug Quellen, ist mein Argument schlüssig aufgebaut), sie können von verschiedenen Personen mit divergierenden gesellschaftlichen Positionen wiederum aufgenommen, transformiert, bewegt werden.

Unser zweiter Gast im Seminar, Kijan Espahangizi, der zu Schweizer Migrationsgeschichte forscht, und sich u.a. als Mitbegründer von INES und aktiver Schreiber beim Blog geschichte der gegenwart mit reger Beteiligung durch verschiedene Öffentlichkeiten bewegt, rät uns zu weniger a-priori-Hemmung und zur Einsicht, dass es auch anderen Leuten gelingt, Kontingenz und Komplexität auszuhalten und vorauszusetzen.

So kam es, dass bei der Ausarbeitung des Podcast über das Nothilfe-System des Kantons Zürich sowohl Wissen um Kontingenz, um die Möglichkeit der Herausnahme aus dem Kampf um die ultimative Wahrheit und Gelassenheit bezüglich technischer Unklarheiten vorhanden waren. Die Schwierigkeiten des neuen Feldes waren somit gewissermassen bearbeitet – man konnte sich also wieder an den altbekannten Themen der ethnografischen Forschung aufreiben: der Auseinandersetzung mit den Erlebnissen im Feld, den dadurch aufkommenden Emotionen und dem Finden der eigenen Stimme. Denn plötzlich waren politische Parteien, NGO’s, Kommentare und Meinungen von echauffierten und engagierten Bürger:nnen, von Journalist:nnen und Aktivist:nnen, aber auch von Mitarbeitenden im Asyl- und Migrationswesen zu hören. Und etwas leiser: die Stimmen der Menschen, deren Leben u.a. fokussiert wird. Menschen, die aufgrund von Mobilität zu Migrant:nnen, und wegen negativer aber nicht durchsetzbarer Asylentscheide zu Nothilfe-Empfangende wurden.

Hört selbst hin*:

 

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Nach dem Abkämpfen an den beschriebenen Ambivalenzen und Unsicherheiten, wurde schlussendlich also doch eine eigene Stimme gefunden. Anfangs erstaunlich, obwohl so naheliegend, wurde sie erkennbar inmitten anderer Stimmen. Sie ist dort zu hören, wo sie selbst nicht spricht, ist Medium, welches leitet und verbindet. Geformt wurde sie im Hadern und Zweifeln, im Anstehen und Nichtweiterwissen, und kann nun gestärkt aus der Debatte mit sich selbst in die Öffentlichkeit eintreten.

 

* Der Podcast ist im Lehrkredit-Seminar „Wissen in Bewegung. Sozialwissenschaft – Migration – Öffentlichkeit“, durchgeführt von Ursina Jaeger (ISEK) und Rebecca Mörgen (IfE), im Herbstsemester 2020 entstanden. Neben ZANTHRO-Kommentar Co-Autorin Yuki Hubmann zeichnen Michèle Lüdin und Caroline van Waes verantwortlich für den Podcast. Ihnen sei an dieser Stelle ganz herzlich gedankt!

Mit Rückgriff u.a. auf:

Dahinden, J. (2014). „Kultur“ als Form symbolischer Gewalt: Grenzziehungsprozesse im Kontext von Migration am Beispiel der Schweiz. In B. Nieswand & H. Drotbohm (Hrsg.), Kultur, Gesellschaft, Migration. Die reflexive Wende in der Migrationsfor-schung (S. 97–121). Wiesbaden: Springer VS.

Mecheril, P., Thomas-Olalde, O., Melter, C., Arens, S., & Romaner, E. (2016). Migrations-forschung als (Herrschafts-) Kritik! (Studien zur Schul- und Bildungsforschung). Migration: Auflösungen und Grenzziehungen (S. 17–41). Wiesbaden: Springer VS.

Thompson, C. (2020). „Science, not silence“. Die Öffentlichkeit der Universität an ihren Grenzen. In I. van Ackeren, H. Bremer, F. Kessl, H.C. Koller, N. Pfaff, C. Rotter et al. (Hrsg.), Bewegungen: Beiträge zum 26. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (1. Auflage, S. 33–44). Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.

Warsewa, G., Bleses, P., & Güldner, M. (2020). Der Transfer von sozialwissenschaftlichem Wissen als Forschungsgegenstand. Soziologie, 49(3), 287–307.