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Lesetipps unserer Dozierenden

Thomas Laely: Über Sinn, Zweck und Angemessenheit der Institution des (kulturhistorischen) Museums im subsaharischen Afrika wurde in den letzten Jahren viel debattiert, auch über die museum studies und die Sozial- und Kulturwissenschaften hinaus.

Im grössten Teil der Staaten Afrikas blieb das Museum auch nach deren politischen Unabhängigkeit eine Institution mit wenig Ein­fluss. Selbst der Begriff des Kulturerbes kennt eine kurze Geschichte und fand erst mit der ersten Welle von „Patrimonialsierungen“ nach dem Erlass der einschlägigen UNESCO-Konvention von 1972 eine stärkere Verbreitung, und das in der Regel ausserhalb der durch das koloniale Ausstellungsmodell belasteten Museumsstrukturen.

Es gibt das materielle und das immaterielle „Kulturerbe“, so wie es in den einschlägigen UNESCO-Konventionen festgeschrieben worden ist. In einem in der französischen Zeitschrift Ethnologies 2013 erschienenen Artikel unterscheidet Galitzine-Loumpet davon nun das elektronische Material. Sie analysiert das auf diesem Weg transportierte Kulturerbe anhand von zwei Beispielen aus Zentralafrika.

Wer mit dem Musée virtuel des Arts et Traditions du Gabon das «erste virtuelle Museum der Welt» besucht – wozu eine Breitband-Netzverbindung nötig ist –, besucht damit nicht etwa auf virtuellem Weg ein bestehendes Museum: dieses nämlich hat keine physische Entsprechung und ist eine vollkommen eigenständige Schöpfung. In West-Kamerun dagegen präsentiert die Internet-Seite „La Route des Chefferies“ ein in der Kleinstadt Dschang auch physisch existierendes Musée des Civilisations und mehrere Cases Patrimoniales an verschiedenen Orten des Kameruner Grasslandes. In den Ausstellungen dieses Kulturtourismus-Projektes kommt Bildern und Texten eine deutlich höhere Bedeutung zu als Objektsammlungen – letztere stehen primär im Dienst der gesuchten Inszenierung und nicht umgekehrt.

Die beiden Beispiele weisen auf ein neu auftretende Form von Kulturerbe hin, welches Galitzine-Loumpet in einem Wortspiel als „e-matériel“ bezeichnet – sie will mittels dieses Begriffs auf die Eigenständigkeit eines neuen Objektes hinweisen, das mehr Repräsentation eines Museums denn virtuell dargestelltes Museum selbst ist, gegründet mehr auf Schein denn Sein von Kulturerbe. Das „e-matériel“ unterscheidet sich vom „immateriellen“, indem es nicht eine Fertigkeit oder ein Wissen bezeichnen will, sondern die entmaterialisierte Form von materiellem und immateriellem Kulturerbe. Dies führt in ihren Worten zu einem „Musée-signe“ und ist Ausdruck von Patrimonialisierungsbestrebungen, die von realen Belangen losgelöst und je nach technologischen Möglichkeiten unendlich adaptierbar sind.

Sind diese Museen ohne Objekte, bestimmt durch ihre herausgestellte und aufwändig beworbene Neuartigkeit, überhaupt noch Museen? Galitzine sieht sie vielmehr als performative Zurschaustellung eines patrimonialen Konsenses. Sie sind Teil von breit angelegten „Patrimonialisierungs-“Prozessen, die sich keineswegs nur auf die Museen in den ehemaligen Kolonialgebieten, sondern ebenso auf die grossen Referenz-Museen im Westen erstrecken.

Galitzine-Loumpet, Alexandra (2013). e-matériel: de la virtualisation du patrimoine au musée-signe: exemples du Cameroun et du Gabon. Ethnologies, 35/2, 77-100.           

https://www.erudit.org/en/journals/ethno/2013-v35-n2-ethno01511/1026549ar/

 

Heinz Käufeler: Hat die Ethnologie etwas beizutragen zu den Fragen und Sorgen, die 'der Neue' aufwirft und weckt? Die amerikanischen Anthropologen Kira Hall, Donna M. Goldstein und Matthew Bruce Ingram haben in HAU noch während der Vorwahlen einen Aufsatz veröffentlicht, der sich dem Phänomen Trump über eine Analyse der Gestik annähert. Der physische Auftritt und insbesondere der Einsatz der Hände sind beim medienerfahrenen Trump sozusagen tragende Pfeiler der Rhetorik, insbesondere in seinem Umgang mit Rivalen und Kontrahenten. Die Autoren untersuchen ausgehend von einer Analyse dieses Einsatzes von 'visual capital' den Weg des krassen Aussenseiters an die politische Macht durch Provokation, Spektakel und den Einsatz der Mittel von Comedy und der Ressource des Celebrity-Status. Dabei erscheint die zunehmende Aufweichung der Grenzen zwischen den medialen, politischen und ökonomischen Sphären als Charakteristikum des frühen 21. Jahrhunderts.

Kira Hall, Donna Meryl Goldstein, Matthew Bruce Ingram:
The hands of Donald Trump: Entertainment, gesture, spectacle.
HAU, Journal of Ethnographic Theory, Vol. 6, No. 2, 2016

https://www.haujournal.org/index.php/hau/article/view/hau6.2.009

 

Willemijn de Jong: Am Beispiel von Nepal zeigt Leve sehr eindrücklich, wie die neoliberale 'Identitätsmaschine' basierend auf dem liberalen Konzept des 'possessive individualism' sich auch dort immer mehr ausbreitet. Aber sie zeigt auch, dass in Nepal im Kontext des Buddhismus andere Formen von 'personhood' gelebt werden. Sie lehnt den Begriff 'Identität' als analytische Kategorie ab, weil wir als EthnologInnen dadurch ebenfalls in die Falle der 'Identitätsmaschine' tappen würden. Ihre Reflektionen sind sehr gut aufgebaut, spannend zu lesen und tragen zum eigenen kritischen Umgang mit Begriffen wie 'Identität' bei.

Leve, Lauren (2011) «Identity». Current Anthropology, 52/4: 513-535. 

http://www.journals.uchicago.edu/doi/10.1086/660999

 

Stefan Leins: Ich lese gerade „Time as Technique“ von Laura Bear. Laura Bear war meine Mentorin während meiner Zeit an der London School of Economics and Political Science (LSE). Sie verbindet ethnographische Feldforschung mit historischer Anthropologie, Theorien des Kapitalismus und Fragen zur Zeit und Zeitlichkeit. Für mich ist sie eine der ganz grossen Inspirationen und ihre Ausführungen zu „Zeit“ in der Zeitschrift „Annual Review of Anthropology" sind absolut lesenswert! 

Bear, Laura (2016): Time as Technique. Annual Review of Anthropology, 45: 487-502.

http://www.annualreviews.org/doi/abs/10.1146/annurev-anthro-102313-030159