Lesetipp von Piet van Eeuwijk

Beide vor zwei Jahren publizierten Bücher zum Schlüsselthema ‚Pflege in der Fremde‘ decken generell das schnell wachsende ethnologische Feld zur weltweiten kapitalistisch orientierten Kommodifizierung von Pflegeaktivitäten und den globalen asymmetrischen Netzen von Pflegemärkten ab. Doch sie gehen in erfrischender Weise über diese schon beinahe Allgemeinplätze hinaus zu eher neuen thematischen Ufern wie eine ambivalente, spannungsvolle Intersubjektivität von ‚ethnisch fremden‘ Pflegenden und älteren ‚nationalen‘ Pflegebedürftigen, die Ausdeutung von ‘spaces of intimacy’ in streng institutionalisierten Pflegeverhältnissen und die Herausforderung einer forcierten Professionalisierung von ‚soft skills‘ auf Seiten der ‚fremden‘ Pflegenden in der Altenheimpflege von Hoch-Einkommensländern. Beide Buchautorinnen begleiten ‚medical semiprofessionals‘ (also nicht Haushaltsangestellte, aber auch nicht Pflegefachpersonen) aus den Philippinen und Indonesien, die in Singapur respektive Japan als geschulte Kräfte ältere BewohnerInnen von Pflegeinstitutionen umsorgen. Durchgängige ‚narratives‘ in beiden Büchern sind die alltägliche ‚ethnoracial‘ Stereotypisierung insbesondere bezüglich einer intensiven und stark ausgeprägten Pflegeempathie auf Seiten der südostasiatischen weiblichen und männlichen Pflegenden, die sehr ambivalente und dadurch konfliktreiche Vorstellung von Familie und damit verbunden die divergierende Erwartungshaltung gegenüber deren Pflegeverantwortlichkeiten und die moralische Einstellung bezüglich Respekt und Reziprozität gegenüber fortgeschrittenem Alter und alten Leuten. Beide Bücher erlauben aber auch einmalige Einsichten sowohl in die Vorstellung(en) der alten Personen selbst von einer überaus homogenen und de-individualisierten (und oft auch zweitrangigen) ‘Herkunftskultur‘ ihrer Pflegekräfte als auch in stark divergierende Erfahrungsbilder von sensiblen Handlungen zu Körper, Nähe, Gefühle und Kontakt. Faszinierender und auch zugleich bedrückender Rahmendiskurs in beiden Büchern bildet dabei ‚Intimität‘ in seiner Widersprüchlichkeit und zugleich Wechselseitigkeit von Pflege als Handlung, Norm, Wert, Moral und/oder Eigenschaft, deren Qualität und Quantität insbesondere zwischen ‚fremden‘ jüngeren Pflegenden und älteren ‚ansässigen‘ älteren Pflegebedürftigen immer wieder ausgehandelt werden muss, um die Konflikthaftigkeit des Grades an ‚Intimität‘ in der Pflege zu verringern. Aus einer medizinethnologischen Perspektive navigieren beide Buchinhalte geschickt zwischen Körperlichkeit (‚corporeality‘, nicht zuletzt eine körperbezogene ‚practice‘ geprägt durch Kultur und Gesellschaft) und Verleiblichung (‚embodiment‘ als machtvolle ‘Einschreibung’ etwa des alternden Körpers oder der impliziten Autorität von Pflegenden). Zwei überaus lesenswerte und interessante ethnologische Bücher zum doch eher neuen, aber sehr aktuellen Thema ‚Pflege(n) in der Fremde‘.

Amrith, Megha. 2016. Caring for Strangers: Filipino Medical Workers in Asia. Copenhagen: NIAS Press.

Ausleihbar in der Bibliothek Ethnologie: ESZ AL: 281

Świtek, Beata. 2016. Reluctant Intimacies: Japanese Eldercare in Indonesian Hands. New York: Berghahn Books.

Ausleihbar in der Bibliothek Ethnologie: ESZ A: 276

 

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